Leidensweg der Migranten

Migranten warten auf dem Bahnhof der mazedonischen Grenzstadt Gevgelije auf die Erlaubnis, einen Zug besteigen zu dürfen. Tausende werden von der Polizei am Grenzübergang gehindert. Bild: dpa
 
Flüchtlinge aus Syrien verlassen im Hafen von Piräus die Fähre "Eleftherios Venizelos". Rund 20 000 Vertriebene sind in den vergangenen Wochen über das Meer auf griechische Inseln gekommen. Bild: dpa

Endlich in Europa - doch wer als Flüchtling auf einer der griechischen Inseln landet, ist noch längst nicht am Ziel seiner Odyssee. Tausende suchen einen Weg nach Westeuropa.

Frühmorgens am Strand von Kos: Auf Schlauchbooten, morschen Kähnen, sogar mit Jet-Skis kommen die Flüchtlinge von der nahen türkischen Küste herüber. Kleinkinder, schwangere Frauen, junge Männer. Wer es auf die griechische Insel geschafft hat, jubelt: "Ich danke Gott, dass ich es bis hier in Europa geschafft habe", sagen viele Neuankömmlinge. Auf den Inseln im Osten der Ägäis kommen immer neue Migranten an, auf die niemand vorbereitet ist. Die Gemeinden und Verwaltungen sind überfordert, die Helfer verzweifelt. Der Bürgermeister der Ferieninsel Kos, Giorgos Kyritsis, warnt angesichts der unhaltbaren Zustände gar vor "einem Blutvergießen". Die desolate wirtschaftliche Lage in Griechenland erschwert die Situation zusätzlich.

Für die Migranten beginnt in Griechenland ein neuer Alptraum. Die Behörden müssen die Menschen registrieren. Räume dafür gibt es nicht, draußen brennt die griechische Sommersonne unerbittlich. Tagelang harren sie vor den Polizeistationen aus. Viele fallen in Ohnmacht. "Dehydriert" oder "Sonnenstich", das sind die häufigsten Diagnosen. Wer ein "Freiheitspapier" ergattert, ist einen Schritt weiter. So nennen die Migranten das Blatt Papier mit Namen, Foto und dem Abdruck des rechten Zeigefingers.

Tagelang warten sie dann auf eine Fähre, die sie zum griechischen Festland bringen wird. In der Hochsaison sind die Touristen-Schiffe ausgebucht. Der griechische Staat setzt seit dieser Woche zusätzliche Fähren ein, die ausschließlich Migranten von den Inseln aufs Festland bringen. Zu Tausenden kommen sie seitdem in die Hafenstadt Piräus. Sie finden Unterkunft für ein paar Tage bei Verwandten oder in Billighotels. Wer kein Geld hat, muss im Freien ausharren. Ein kleines Aufnahmelager im Athener Stadtteil Votanikos kann nur rund 800 Menschen aufnehmen.

Goldene Geschäfte

Die Reise geht weiter. Kleine Bus-Reiseagenturen machen goldene Geschäfte. Für 30 bis 35 Euro kann man bis zur griechisch-mazedonischen Grenze fahren - der Übergang Gevgelije ist etwa 550 Kilometer entfernt. Auch Taxifahrer reiben sich die Hände. "Es gibt auch reiche Migranten. Für 500 Euro fahre ich gerne bis an die Grenze", sagt ein 25 Jahre alter Chauffeur. Er hat es schon dreimal in dieser Woche gemacht, sagt er. Wohin die Migranten wollen? "Germanía (Deutschland)", antwortet er.

Das Leiden der Flüchtlinge geht an der Grenze weiter. Am Freitag setzte die mazedonische Polizei Tränengas ein, um Hunderte Migranten an der Einreise zu hindern, wie das griechische Fernsehen zeigte. An die 4000 Menschen sitzen fest. Mazedonien hatte wegen der angespannten Flüchtlingssituation an seinen Grenzen zu Griechenland und Serbien am Donnerstag den Notstand erklärt und den Übergang an einer wichtigen Route blockiert. Hitze, Erschöpfung und Hunger setzten den Flüchtlingen zu. Rund 100 Menschen, darunter eine Schwangere und ein Kleinkind, mussten behandelt werden, wie Ärzte ohne Grenzen mitteilte.

Druck mindern

Mazedonien rechtfertigte sein Vorgehen damit, den starken Flüchtlingszustrom besser bewältigen und die Sicherheit in den Grenzsiedlungen erhöhen zu wollen. Zudem sollte der Druck auf die mazedonische Grenzstadt Gevgelije gemindert werden. Von dort versuchen jeden Tag Hunderte Flüchtlinge, einen von drei Zügen in Richtung Serbien zu nehmen. Laut Medienberichten wurden in Gevgelije und in der Grenzstadt Tabanovtse im Landesnorden bereits deutlich weniger Migranten gesehen.
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