Leserbriefe "Das wahre und menschenzerstörende Gesicht dieser DDR"

Zum Artikel "Stasi-Erwachen nach der Wende" (Amberger Zeitung vom 18. August):

Man kann nur hoffen, dass es dem Sommerloch geschuldet ist, dass die AZ einem verdienten DDR-Kader wie Frau Stein gleich eine halbe Seite ihrer Ausgabe widmete. Als anerkannte politisch verfolgte Schülerin der DDR-Diktatur kann ich nicht nachvollziehen, wie die Jusos erwarten konnten, sich bei einer Führungspersönlichkeit aus DDR-Tagen einen Eindruck darüber verschaffen zu können, wie es "normalen" DDR-Bürgern ging und welche Möglichkeiten und Schwierigkeiten die Wende mit sich brachte.

In der DDR stellte die SED-Kreisleitung die eigentliche Herrschafts- und Entscheidungsinstanz mit weitreichenden Befugnissen dar. Zwischen der SED-Kreisleitung und den Stasi-Mitarbeitern existierte schon immer eine enge Zusammenarbeit und Abstimmung. Kreisleitung und MfS (Ministerium für Staatssicherheit) stimmten sogar die jährlichen Schwerpunktaufgaben miteinander ab. Die Stasi-Offiziere unterhielten zu fast allen hauptamtlichen Kreisleitungs-Mitarbeitern systematisch Kontakte. Es ist also blanker Unfug, dass Frau Stein angeblich nicht wusste, wer für die Stasi arbeitete - dies kann höchstens auf inoffizielle Mitarbeiter der Stasi zugetroffen haben.

Es war in der Bevölkerung allgemein bekannt, dass gerade Spitzel "eine große Lippe riskierten und provokativ auftraten", um "Republikfeinde" entlarven und bestrafen zu können. Betriebsleitungen trugen, anders als von Frau Stein dargestellt, in der DDR die Mitverantwortung für die politisch-ideologische Miterziehung der Beschäftigten bzw. - wie es im Arbeitsgesetzbuch der DDR so schön hieß - für die Förderung ihrer Entwicklung zu sozialistischen Persönlichkeiten. Im Artikel wird durch die Ausführungen von Frau Stein, einer aktiven SED-Funktionärin, der Eindruck erweckt, als sei sie völlig passiv geblieben und müsste man sie beinahe noch zur Opferseite zählen.

Die "nicht besondere" Verdienstmedaille der Deutschen Demokratischen Republik war eine staatliche Auszeichnung der DDR. Ihre Verleihung erfolgte nur an Bürger, die sich durch besondere Leistungen und treue Pflichterfüllung beim Aufbau des Sozialismus sowie bei der Stärkung und Festigung der DDR ausgezeichnet hatten. Und die damit, um es als Opfer dieser kommunistischen Diktatur einmal klar auszusprechen, dieses menschenverachtende System zentral mitgetragen und erst ermöglicht haben!

Und was den Hinweis auf ihre Tochter betrifft, kann nur vermutet werden, dass diese wohl erst 1989 "geflohen" ist, als alles schon im Umbruch war. In den Jahren davor wäre Frau Stein mit Sicherheit durch die Staatsmacht umgehend aller Ämter enthoben worden. Angehörige von Republikflüchtigen waren jahrelang und regelhaft Repressionen durch die Stasi ausgesetzt. Nach erfolgreicher Flucht wurden in der DDR verbliebene Freunde und Verwandte seitens des MfS massiv unter Druck gesetzt. Sie mussten befürchten, Opfer von Vergeltungsmaßnahmen zu werden. Dazu gehörten bis in die Privatsphäre reichende Bespitzelungen, Manipulationen und Diffamierungen, mit denen unter anderem systematisch eine Entfremdung aller Beteiligter erreicht werden sollte. Diese sogenannten Zersetzungsmaßnahmen waren an der Tagesordnung.

Nach einem missglückten Republikfluchtversuch meiner Familie haben wir die DDR von ihrer wahren Seite zu spüren bekommen: langjährige Haft und Folter für meine Eltern (mein Vater ist anerkanntes Folteropfer der DDR), durch die Stasi angeordneter Kinderheimaufenthalt und versuchte Zwangsadoption für meinen Bruder und mich sowie nach der Haftentlassung berufliche Degradierung meiner Eltern und Verweigerung einer Zulassung zum Abitur für mich. Das, Frau Stein, war Ihr wahrer DDR-Staat!

Das, liebe Jusos, war das wahre und menschenzerstörende Gesicht dieser DDR! Und eine Wahrheit, die SED-Mitglieder wie Frau Stein ganz bewusst verschweigen und weglügen oder wie im vorliegenden Artikel beschönigen. Vielleicht sollte sich die Amberger Zeitung zukünftig besser überlegen, wem sie eine solche Plattform für ihre Märchen bietet. Und vielleicht sollten sich politische Nachwuchsverbände wie die Jusos auch mal mit den dunklen Seiten eines Systems beschäftigen, das bereit war, das Leben freiheits- und demokratieliebender Menschen ohne jegliche Rücksichtnahme zu zerstören.

Ich jedenfalls bin froh, heute in Bayern leben zu können und weiß die Freiheit des Denkens, Redens und Reisens zu schätzen. Und ich bin froh, dass DDR-Kader wie eine Frau Stein hier nicht mehr das Sagen haben.

Jana Birner, Amberg

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