Linker erobert Labour-Spitze

Vier Monate nach der verlorenen Parlamentswahl hat die britische Labour-Partei den Pazifisten Jeremy Corbyn (rechts mit seinem Stellvertreter Tom Watson) zum neuen Vorsitzenden gewählt. Der 66-Jährige gewann überraschend deutlich mit fast 60 Prozent der Stimmen. Bild: dpa

Labour hat einen neuen Vorsitzenden, auf den vor ein paar Wochen niemand gewettet hätte. Seine Fans feiern Jeremy Corbyn als sozialistischen Superstar. Für das politische Establishment ist die Wahl ein Schock mit ungewissen Folgen.

Er war erst ein paar Stunden neuer Labour-Chef, da stand Jeremy Corbyn strahlend in einem Londoner Pub und sang: "Die Fahne des Volkes ist tiefrot." Kurz darauf bejubelten Tausende den 66-Jährigen, als er auf einer Demo gegen die Asylpolitik der Konservativen wetterte. Corbyn ist ein Aktivist, sagt seine Meinung und ist links - für britische Verhältnisse geradezu unerhört links.

An der Spitze der britischen Sozialdemokraten steht seit Samstag ein Pazifist und Marx-Bewunderer, der sich über 32 Jahre als notorischer Parteirebell auf der Hinterbank im Unterhaus einen Namen gemacht hat. Seine Wahl mit fast 60 Prozent der Stimmen ist eine Sensation. Und eine gigantische Herausforderung für die Partei. Denn während seine Anhänger den Gewählten wie einen Rockstar bejubeln, stehen nicht mal zehn Prozent der Unterhaus-Fraktion hinter ihrem neuen Parteichef.

Partei gespalten

Labour ist mit Corbyn nicht plötzlich linker geworden, sondern tief gespalten. "Ich hoffe, er reicht allen Teilen der Partei die Hand", sagt Ex-Parteichef Ed Miliband, der nach der haushoch verlorenen Unterhauswahl zurückgetreten war. Manche bezweifeln, dass der Neue überhaupt genug Unterstützer für sein Schattenkabinett findet. Die ersten Mitglieder des bisherigen Schattenkabinetts zogen sich gleich am Samstag zurück. Die Partei zusammenzuhalten, wird eine Titanenaufgabe. "Ich hoffe, alle erkennen das Mandat an, das wir bekommen haben", sagte Corbyn.

Er habe nie Verantwortung übernommen, sondern nur von ganz weit links quergeschossen, werfen seine Gegner ihm vor. Er werfe Labour in die 1980er Jahre zurück. Das meint nicht nur Klassenkampf und Massenstreiks. Damals tobte in der Partei ein Richtungskampf. Die Krise endete damit, dass Tony Blair als Premierminister seinen wirtschaftsfreundlichen New-Labour-Kurs durchsetzte. Jetzt erhielt die Kandidatin aus der Blair-Schule, Liz Kendall, gerade mal 4,5 Prozent der Stimmen.

Angriffe auf Sparpolitik

Eine "Corbynmania" sei ausgebrochen, titelten die britischen Medien, als die Hallen plötzlich zu klein wurden, wenn Corbyn auf der Bühne stand. Am besten kommt er an, wenn er gegen Sparpolitik wettert. Großbritanniens Wirtschaftszahlen sehen ordentlich aus nach der Bankenkrise, aber Millionen merken davon nichts im Geldbeutel. Der schmale Politiker mit dem freundlichen Blick wurde Hoffnungsträger für jene, die Labour längst als blasse Version der regierenden Konservativen um Premier David Cameron abgeschrieben hatten.

Die Tories feiern den Linksruck wie vorgezogene Weihnachten, da sie - wie die meisten Labour-Abgeordneten auch - Corbyn und seinen Kurs für völlig chancenlos auf nationaler Ebene halten. Ein erster Härtetest steht Corbyn bevor, wenn Cameron über Luftangriffe in Syrien abstimmen lässt. Das dürfte demnächst geschehen. Der neue Labourchef ist strikt dagegen. Die Mehrheit seiner Partei wird ihm wohl nicht folgen. So wie ihm oft schnuppe war, was die Parteiführung wollte.
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