Massaker an Armeniern im Ersten Weltkrieg
Hoffnung in Eriwan wächst

Eriwan. Für die Südkaukasusnation Armenien könnte die Sitzung des Bundestags am Donnerstag zu einem zentralen Erfolgsmoment ihrer langjährigen Außenpolitik werden. Seit Jahrzehnten arbeitet die Ex-Sowjetrepublik darauf hin, dass die Massaker an den Armeniern durch das Osmanische Reich im Ersten Weltkrieg international als Genozid anerkannt werden.

Der Bundestag will mit einer Resolution von Union, SPD und Grünen die Gräueltaten als Völkermord verurteilen. Für Eduard Scharmasanow, Vize-Parlamentschef in der Hauptstadt Eriwan, standen die Chancen nie besser als jetzt. "Meine Überzeugung basiert auf informellen und formellen Kontakten in Berlin", sagt Scharmasanow.

Kaiserreich wusste Bescheid


Schätzungen zufolge kamen bei der Vertreibung, die vor 101 Jahr auf dem Gebiet der heutigen Türkei begann, bis zu 1,5 Millionen Armenier um. Die osmanische Führung verdächtigte die christliche Minderheit, mit dem Kriegsgegner Russland zu kollaborieren. Historiker sprechen von systematischer Verfolgung. Die Türkei - Rechtsnachfolgerin des Osmanischen Reiches - geht von deutlich weniger Toten aus und lehnt den Ausdruck "Genozid" entschieden ab. Auch die Bundesregierung hat den Begriff bisher vermieden. Doch seit Bundespräsident Joachim Gauck und Bundestagspräsident Norbert Lammert das Wort benutzt haben, zeichnet sich ein Wandel ab. Deutschland wäre in der Riege der Staaten wie Frankreich und Russland, die den Genozid beim Namen nennen, umso gewichtiger, weil das Deutsche Kaiserreich als Verbündeter der Osmanen im Ersten Weltkrieg nachweislich von den Massakern wusste.

USA zurückhaltend


"Der Völkermord ist nicht nur ein Problem des armenischen Volkes. Das ist ein Schmerz, den wohlwollende Menschen auf der ganzen Welt teilen", sagt der armenische Präsident Sersch Sargsjan. Es enttäuscht viele seiner Landsleute, wenn strategische Erwägungen einer Ächtung als Genozid im Wege stehen. So bleibt die Supermacht USA bisher zurückhaltend - wohl aus Rücksicht auf den Nato-Partner Türkei. Und auch Berlin steht mit der erwarteten Resolution unter Druck, gilt Ankara doch als wichtiger Partner in der EU-Flüchtlingskrise.

Gerade wegen der Vergangenheit ist Armenien so sensibel im Jahrzehnte alten Konflikt mit Aserbaidschan um das von Baku abtrünnige Gebiet Berg-Karabach. Erst im April war wieder Blut geflossen in der vor allem von Armeniern bewohnten Unruheregion. Mit rund 120 Toten war es die schwerste Eskalation seit gut 20 Jahren.

Das Andenken an das Leid ist den Armeniern in Fleisch und Blut übergegangen. Auch die gut zehn Millionen Mitglieder der Diaspora teilen den Wunsch nach Gerechtigkeit. Längst werden etwa in den USA die Rufe von Armeniern laut nach Entschädigung und Gerichtsverfahren.

Doch die Regierung weiß, dass Revanchismus zu nichts führt, dass Dialog nötig ist. Mit einem Kurswechsel der Türkei rechnet in Eriwan aber niemand. Daran dürfte auch die Resolution des Bundestages nichts ändern.
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