Mehr als 80 Tote bei Attentat
Warum immer Frankreich?

"Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit": So steht es beschwörend auf einem Brief neben Trauerblumen, die in der Nähe des Anschlagsortes in Nizza liegen. Bild: dpa

Schon wieder trifft es Frankreich, diesmal tötet ein Mann am Nationalfeiertag mit einem Lastwagen mehr als 80 Menschen. Das verschärft die Debatte um den richtigen Weg im Kampf gegen den Terror - und das Gefühl der Ohnmacht.

Nizza. Am Tag, an dem Frankreich traditionell Stärke vorführt, bekommt das Land erneut brutal seine Verwundbarkeit vor Augen geführt. Nur Stunden, nachdem bei der Parade zum Nationalfeiertag die Panzer über die Pariser Champs-Élysées rollen, rast ein Lastwagen durch die feiernde Menge an der Strandpromenade von Nizza. Menschen seien "wie Bowlingkegel" weggeflogen, schildert ein Augenzeuge.

Ein Blutbad unter Palmen, das ein ohnehin ausgelaugtes Land heimsucht. Es verschärft die Debatte um die richtige Antwort auf den Terror - und die Regierung bemüht sich händeringend um Zusammenhalt.

Ein Wort fasst das Gefühl zusammen: "encore" - "schon wieder". Der Terror lässt Frankreich auch nach dem Schreckensjahr 2015 nicht los, trotz Ausnahmezustands und verschärften Anti-Terror-Gesetzen. Ganz ohne Kalaschnikow und Sprengstoffgürtel tötet ein einzelner Täter am malerischen Mittelmeerstrand 84 Menschen - fast so viele, wie am 13. November im Pariser Musikklub "Bataclan" starben. Erst nach fast zwei Kilometern kann die Polizei den 31-Jährigen erschießen und die Todesfahrt beenden.

Auch wenn Hintergründe und Motiv noch unklar waren, wurde die Attacke gleich in eine Reihe gesetzt mit den Islamisten-Attacken von "Charlie Hebdo" bis zum Mord an einem Polizistenpaar vor einem Monat, bei denen insgesamt 151 unschuldige Menschen starben. Nun also auch am Tag des Sturms auf die Bastille, der jedes Jahr mit Feuerwerk und Tanzbällen gefeiert wird. Die Symbolik scheint klar. "Warum der 14. Juli? Weil er das Fest der Freiheit ist", sagt Präsident François Hollande.

Gerade Luft geholt


Und dabei hat das Land gerade erst ein bisschen Luft geholt, weil die von Terrorfurcht begleitete Fußball-Europameisterschaft ohne Anschlag auf Stadien oder Fanmeilen über die Bühne ging. Auch ein Ende des seit acht Monaten geltenden Ausnahmezustands mit seinen umstrittenen Sonderrechten für die Behörden schien möglich. Frankreichs Fußballer ließen sogar kurz auf ein kollektives Erfolgserlebnis hoffen, einen heftigst herbeigesehnten Jubeltaumel. "Die Franzosen brauchten dieses Zusammenkommen", sagte Hollande noch vor wenigen Tagen.

Nun steht der Sozialist, der sich am Vortag noch mit Fragen zum hohen Gehalt seines Friseurs herumschlagen musste, wieder einmal mit versteinerter Miene vor der Kamera. Er bringt sein Sicherheitskabinett zusammen, setzt Staatstrauer an, ruft Reservisten der Gendarmerie zur Hilfe. Der Ausnahmezustand soll nochmals um drei Monate verlängert werden. "Frankreich ist untröstlich, traurig, aber es ist stark", sagt der Präsident. "Es wird immer stärker sein (...) als die Fanatiker, die es heute schlagen wollen."

Allein, solche Versicherungen haben inzwischen etwas von einem Déjà vu, traurige Routine. Und die Frage, warum die Sicherheitsbehörden die Anschläge nicht verhindern können, wird immer lauter. Gerade erst hat eine Untersuchungskommission der Nationalversammlung einen 300-seitigen Untersuchungsbericht zu den Anschlägen des vergangenen Jahres veröffentlicht und Geheimdienst-Versagen angeprangert.

Am Freitag hagelt es prompt Kritik: Warum konnte der Lastwagen auf die gesperrte Promenade fahren? Und warum kam die Warnmeldung der extra entwickelten Handy-App des Innenministeriums erst, als alle Medien schon lange über den Vorfall berichteten? In den ersten Stunden nach dem Anschlag scheint es auch, als könnte das neue Drama die verbale Aufrüstung in dem Land weiter vorantreiben.

Manche spekulieren schon über die langfristigen politischen Konsequenzen des anhaltenden Terrors. "Dschihadisten scheinen entschlossen, (Front-National-Chefin) Marine Le Pen zur nächsten Präsidentin Frankreichs zu machen", schrieb der Terrorexperte Peter R. Neumann auf Twitter. Le Pens rechtsextreme Partei hatte die bisherigen Anschläge für ihre Fundamentalkritik an Hollandes Regierung und der Einwanderungspolitik instrumentalisiert.

Die Behörden hatten stets betont, dass der Kampf gegen die islamistisch motivierte Terrorserie lang werde - und dass es "null Risiko" trotz aller Vorkehrungen nicht geben könne. Das Land steht im Kampf gegen Islamisten an vorderster Front, seine Soldaten sind in der Sahelzone aktiv, die Luftwaffe fliegt Angriffe auf IS-Stellungen im Irak und in Syrien. Aus Frankreich sind deutlich mehr Extremisten nach Syrien oder in den Irak gereist als etwa aus Deutschland.

Einheit in Frage gestellt


Premierminister Manuel Valls sagt, man sei jetzt in einer "neuen Epoche". "Frankreich wird mit dem Terrorismus leben müssen, und wir müssen uns zusammenschließen", erklärt er. Doch ob die beschworene Einheit angesichts dieses weiteren schwarzen Tages tatsächlich Bestand haben kann, diese Frage stellt sich mehr denn je.
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