Mehr als eine befreiende Rede

Richard von Weizsäcker und seine Frau Marianne vor dem Tadsch Mahal in Indien. Die vierfache Mutter Marianne von Weizsäcker engagierte sich unter anderem für das Müttergenesungswerk.

Vielen gilt Richard von Weizsäcker als der bedeutendste Bundespräsident, den die Republik je hatte. Unvergessen ist vor allem seine "Befreiungs"-Rede zum 40. Jahrestag des Kriegsendes 1985.

Angela Merkel ist extra ins Kanzleramt geeilt, ganz in schwarz. Die Kanzlerin äußert sich tief betroffen. "Richard von Weizsäcker war eine der wichtigsten und geachtetsten Persönlichkeiten unseres Landes", sagt sie. Sein Tod sei "ein großer Verlust für Deutschland". Wenige Hundert Meter entfernt tragen sich Bürger im Schloss Bellevue in ein Kondolenzbuch ein, Bundespräsident Joachim Gauck würdigt seinen Vorgänger als "moralische Instanz".

Am Samstag starb das sechste Staatsoberhaupt der Bundesrepublik im Alter von 94 Jahren. Von Weizsäcker war auch der Präsident der Einheit, er hat früh die Ostpolitik Willy Brandts gegen konservative Widerstände unterstützt, die Überwindung der Spaltung Europas und Deutschlands war ihm ein "ein Herzensanliegen", betont Merkel. Die einstige DDR-Bürgerin wird persönlich: "Ich werde nie seine Ansprache am 3. Oktober 1990 vergessen und meinen inneren Jubel, als er sagte: "So erleben wir den heutigen Tag als Beschenkte. Die Geschichte hat es dieses Mal gut mit uns Deutschen gemeint."

"Tag der Befreiung"

Der CDU-Politiker ist bis zu seinem Tod eine politische Autorität, weit über die Grenzen Deutschlands hinaus. Als Präsident verkörpert er nach Weltkrieg und Holocaust wie kaum ein anderer das geläuterte, weltoffene Deutschland. In der Bevölkerung gilt er als Idealtypus eines deutschen Staatsoberhaupts. In allen Würdigungen wird vor allem an einen Moment erinnert. 8. Mai 1985, Deutscher Bundestag: "Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft", sagt er. Flucht und Vertreibung dürften nicht losgelöst von der Gewaltherrschaft, die zum Krieg führte, gesehen werden. "Wir dürfen den 8. Mai 1945 nicht vom 30. Januar 1933 trennen. ... Wir haben allen Grund, den 8. Mai 1945 als das Ende eines Irrweges deutscher Geschichte zu erkennen."

Viele Konservative klatschen nicht, für sie ist der Tag weiter eher Niederlage. Von Weizsäcker greift Fragen auf, die die 1968er-Generation schon ihren Eltern stellte: "Wer konnte arglos bleiben nach den Bränden der Synagogen, den Plünderungen, der Stigmatisierung mit dem Judenstern, dem Rechtsentzug, der unaufhörlichen Schändung der menschlichen Würde? Wer seine Ohren und Augen aufmachte, wer sich informieren wollte, dem konnte nicht entgehen, dass Deportationszüge rollten." Der Gedanke, dass der 8. Mai Befreiung war, ist schon damals nicht ganz neu. Dass er jedoch von einem Bundespräsidenten zu einer Zeit vorgetragen wird, da sein eigenes konservatives Lager zum Teil noch weit von derlei Erkenntnis entfernt ist, gibt der Rede eine andere Dimension. Sie ist auch Ergebnis der Auseinandersetzung mit seinen eigenen Kriegserlebnissen. Der Wehrmachts-Offizier Richard von Weizsäcker nahm am Widerstand nicht teil, sympathisierte aber mit ihm. Anders sein Vater Ernst. Die Amerikaner sahen in dem Staatssekretär unter den Nazis einen der vielen Schreibtischtäter. In den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen 1948/49 unterstützt Jurastudent Richard die Verteidiger des Vaters. Der Familie ging es vor allem darum, die Deutungshoheit über das Wirken des Vaters zu behalten. In dieser Auseinandersetzung zeigt Richard von Weizsäcker - anders als der Großteil der Deutschen - schon wenige Jahre nach dem Krieg ein hohes Maß an Selbstkritik. Er war beim Einmarsch in Polen dabei, gleich am zweiten Kriegstag fiel sein Bruder Heinrich.

Der Freiherr, am 15. April 1920 in Stuttgart geboren, wächst in Berlin heran. Der Urgroßvater ist Theologe, der Großvater württembergischer Ministerpräsident, der Vater seit 1938 Staatssekretär im Auswärtigen Amt in Berlin. Großonkel, Onkel und Bruder Carl Friedrich sind renommierte Wissenschaftler. Anders als es die Familientradition vorgibt, geht er in der jungen Bundesrepublik in die Wirtschaft - 1953 zu Mannesmann, nach Zwischenstation 1962 bis 1966 in die Chefetage bei C.H. Boehringer in Ingelheim am Rhein. Doch Anfang 1965 steht der CDU-Fraktionschef im rheinland-pfälzischen Landtag vor der Tür des Boehringer-Managers. Der erst 35-jährige Helmut Kohl will den zehn Jahre Älteren in die Politik holen. Weizsäcker, seit 1954 CDU-Mitglied, sagt ab. 1969 kann er dann nicht mehr widerstehen. Kohl versucht damals, die CDU zu einer modernen Volkspartei zu machen. Der promovierte Jurist Weizsäcker passt bestens ins Bild.

Der Parteien-Kritiker

Die Vorteile, die Kohl damals in der Person Weizsäcker noch sieht, führen letztlich zum Zerwürfnis zwischen dem Parteipatriarchen und dem "eigensinnigen" Intellektuellen. Weizsäcker bleibt auf Distanz zum Parteiensystem. Anfang der 1990er Jahre hält er den Parteien gar vor, sie seien "machtversessen und machtvergessen". Kohl hatte zunächst dafür gesorgt, dass Weizsäcker schnell Karriere macht. Bei der Bundestagswahl 1969 bekam er einen sicheren Listenplatz. 1981 erringt Weizsäcker im zweiten Anlauf, dieses Mal gegen den SPD-Mann Hans-Jochen Vogel, das Amt des Regierenden Bürgermeisters in der "Frontstadt" Berlin.

Entgegen seiner Zusicherung, Berlin als "Lebensaufgabe" zu sehen, drängt er jedoch drei Jahre später - gegen den Widerstand Kohls - ins Bundespräsidentenamt. Dankbar zeigt sich Weizsäcker, dass die Wiedervereinigung in seine Amtszeit als Bundespräsident fällt. Er würdigt die Entscheidungen Kohls, die der Einheit vorausgingen, kritisiert aber, dass die Politik den Wählern im Westen vorgemacht habe: "Die Vereinigung kostet euch nichts".
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