Menschliche Züge für die kühle Hillary Clinton
Der Mensch hinter der Kandidatin

Der ehemalige amerikanische Präsident Bill Clinton nutzte seine Rede auf dem Parteitag der Demokraten zu einer Liebeserklärung an seine Frau. Das sollte die menschliche, warme Seite von Hillary Clinton vermitteln. Bild: dpa

Hillary Clinton ist eine kühle Rechnerin. Zu kühl, vielleicht. Auch bei dem wohl inszenierten Parteitag in Philadelphia. Ihr scheint das emotionale Moment zu fehlen. Das heben beim Konvent andere hervor.

Philadelphia. Philadelphia ist ein geschichtsträchtiger Ort in den USA. 1776 wurde dort die Unabhängigkeit von den englischen Kolonialherren verkündet, eingeläutet mit der Liberty Bell, der Freiheitsglocke. 240 Jahre später macht die Metropole an der Ostküste erneut Geschichte. Von Philadelphia aus wird erstmals eine Frau von einer der großen US-Parteien in den Kampf um das Weiße Haus entsandt: Hillary Clinton soll die 45. Präsidentin der Vereinigten Staaten werden - so will es die Mehrheit der über 4700 Delegierten des Parteitages.

Clinton geht ins Rennen gegen den schillernden Republikaner-Tribun Donald Trump. Vor einem Jahr hätte sich kaum ein Buchmacher gefunden, der eine Wette auf das ungleiche Duell angenommen hätte. Hier die erfahrene, mit allen Wassern gewaschene Politprofi Clinton, geprüft als Außenministerin, geschliffen als First Lady, gehärtet als Senatorin von New York, als die Stadt ihre schlimmste Zeit durchmachte. Dort der Quereinsteiger Trump, ohne Vision, ohne tiefgreifendes Wissen, ohne funktionierendes Netz. Doch das Blatt hat sich längst gewendet. In Umfragen hat Trump aufgeholt, nach seiner medienträchtig inszenierten Nominierung in Cleveland sogar die Führung übernommen. Meinungsforscher Nate Silver sieht inzwischen eine 57-prozentige Wahrscheinlichkeit für einen Wahlsieg Trumps, wenn die Wahl jetzt stattfinden würde.

Das muss nichts heißen und kann nach dem fein inszenierten Demokraten-Parteitag schon anders aussehen. Clinton gab auf "ihrem" Konvent allen eine Stimme. Die Botschaft an das Volk lautet: "Wir sollen alle zusammenstehen, Schwarze und Weiße, Behinderte und Nichtbehinderte, Alte und Junge." Sorgsam choreographiert, mit Prominenten aus Musik, Sport und Showbusiness geschmückt, geriet der Parteitag zu einem Spektakel mit Strahlwirkung. Viele, wenngleich längst nicht alle, vereinigten sich hinter dem gemeinsamen Ziel, das nicht zuletzt Clintons hartnäckiger Widersacher Bernie Sanders formulierte: "Donald Trump darf nicht Präsident werden."

Fürsprecher auf der Bühne


Clinton holte viele Fürsprecher auf die Bühne, alle mit dem gleichen Ziel: Der Mensch Clinton, ihr Gewissen, ihr Herz, sollte in die Öffentlichkeit rücken. First-Lady Michelle Obama machte am Montag den Anfang, ihr Mann und Ex-Präsident Bill setzte den vorläufigen Schlusspunkt. "Im Frühjahr 1971 habe ich ein Mädchen getroffen. Ich wusste, es war nicht nur eine weitere Schulter, die ich packte", sagte Bill Clinton am Dienstag (Ortszeit) in einer Rede, die fast zur Liebeserklärung geriet, über das Kennenlernen des Politiker-Paares. Sie sollte zeigen: Hillary Clinton ist Mensch, Ehefrau und Mutter, nicht nur die kalte Rechnerin.

Auch Feuerwehrleute, die nach dem Einsatz bei den Anschlägen vom 11. September 2001 in New York krank wurden, Mütter der Opfer von Polizeigewalt, Vergewaltigungsopfer mit Abtreibungswunsch - alle wussten viel Positives zu berichten über Clinton und ihre menschlichen Züge. "Sie hält den Amerikanischen Traum am Leben", fasste ihr einstiger Senatoren-Kollege aus New York, Chuck Schumer zusammen.

Selbst Obama ist besorgt


Doch das Eis ist dünner geworden für die 68-Jährige. Die Möglichkeit, dass auch der zweite Anlauf auf das Weiße Haus nach der Vorwahlniederlage 2008 gegen Barack Obama nicht zum Erfolg führen könnte - sie ist eine reale Vorstellung geworden. "Alles ist möglich", sagt inzwischen auch Amtsinhaber Obama. Dabei hat Clinton bisher im Wahlkampf 2016 nicht viele Fehler gemacht.

Bill Clintons "Liebeserklärung""Im Frühling 1971 habe ich ein Mädchen getroffen." Bill Clinton, von 1993 bis 2001 Präsident der USA, hat den Parteitag der Demokraten für eine Liebeserklärung an seine Frau genutzt. Hillary Clinton war kurz zuvor als erste Frau zur Kandidatin der Demokraten für das US-Präsidentenamt nominiert worden. Mit seiner 42-minütigen Rede wollte er den Mensch Hillary zeichnen. Er sprach über die Verlobung ("Ich bat sie mich zu heiraten, sie sagte, sie kann nicht.") und die Hochzeit, die Schwangerschaft mit Tochter Chelsea. "Wir gingen spazieren, wir redeten und wir lachten - das tun wir bis heute", sagte der 69-Jährige. "Ich habe meine beste Freundin geheiratet", erinnerte er sich an den Oktober 1975. Die dunklen Seiten ließ er aus: Der Name Monica Lewinsky kam nicht vor. Mit ihr hatte er jene Affäre, die ihm beinahe das Präsidentenamt gekostet hätte und die Ehe der beiden auf eine ernste Probe stellte. Es gab nur eine klitzekleine Anspielung: "Wir haben zusammengehalten, in guten und in schweren Zeiten, in Freude und mit gebrochenen Herzen." (dpa)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.