Merkel - die Hoffnung des Balkan

An der Seite von Premierminister Denis Zvizdic nahm Bundeskanzlerin Angela Merkel in Sarajevo die Ehrengarde von Bosnien-Herzegowina ab. Auf dem Balkan gilt Merkel als die Regierungschefin Europas. Deshalb ruhen auch alle Hoffnungen der Länder auf ihr, die sich einen schnellen EU-Beitritt wünschen. Bild: dpa

Auch wenn das große Schiff EU gefährlich schlingert - die Balkan-Staaten wollen um jeden Preis an Bord. Auf der Kanzlerin ruhen dabei immense Hoffnungen. Angela Merkel bereist eine Reise in eine gezeichnete Region.

Es ist eine kleine Frage, in der sich die großen Erwartungen an Angela Merkel während ihrer Balkan-Reise bündeln. "Sie sind natürlich die Regierungschefin von ganz Europa", sagt eine Reporterin bei einer Pressekonferenz der Kanzlerin in Albaniens Hauptstadt Tirana. Und will dann wissen, wer denn auf dem Balkan eine vergleichbare Führungsaufgabe übernehmen könnte. Regierungschefin von ganz Europa zu sein - das ist in den Augen der Menschen hier eine Auszeichnung, keine Bürde.

Sie säumen die Straße vor dem Regierungspalast, sie klatschen, als die Nationalhymne erklingt und die Kanzlerin an der Seite von Ministerpräsident Edi Rama über den roten Teppich schreitet. Ob Albanien, Serbien oder auch Bosnien-Herzegowina - sie alle hoffen auf eine bessere Zukunft und haben klare Vorstellungen, wo diese liegt: in der Europäischen Union.

Warum dauert das so lang?

Viel näher, nur ein paar hundert Kilometer weiter südlich, liegt Griechenland mit all seinen Problemen. Aber dass die EU dieser Tage vor ihrer bislang größten Zerreißprobe steht, klingt auf Merkels Reise nur in Nebenbemerkungen an, und es ist nicht die Kanzlerin, die darauf die Sprache lenkt. Ihr ist es wichtig, sich zwischen Sondergipfel und Sondergipfel knapp zwei Tage Zeit für die hier wartenden Menschen zu nehmen. Das will sie, wie es scheint, auch zum Ausdruck bringen, indem sie die Themen und Probleme in den Mittelpunkt ihrer Reise stellt, die hier bewegen.

Allen voran: die Beitrittsperspektive. Serbien und Albanien haben bereits Kandidatenstatus, aber noch stehen da der Kosovo-Konflikt, dort Korruption und rechtsstaatliche Defizite der tatsächlichen Aufnahme von Verhandlungen im Weg. Merkel würdigt die Fortschritte, die bereits gemacht sind. Und zeigt Verständnis für die Ungeduld der Menschen: "Jetzt weiß ich, dass viele Länder, die ja auch warten, dass es vorangeht, oft sagen: Meine Güte, warum dauert das so lange. Und ich darf Ihnen versichern: Es wird jetzt nichts künstlich verzögert. Es werden nicht irgendwelche Schwierigkeiten aufgebaut."

Oder die Frage der Flüchtlinge. Immer mehr Menschen, vor allem aus den syrischen Bürgerkriegsgebieten, suchen über die sogenannte Balkan-Route den Weg nach Europa. Um die 1000 sind es neuerdings allein in Serbien an jedem Tag. Die Kanzlerin signalisiert: Wir lassen euch damit nicht allein. "Es nützt nichts, wenn jeder sich gegen den Anderen abschottet." Das deutsche Problem der vielen Asylbewerber vom Balkan, die mit ihren Anträgen so gut wie keine Aussicht auf Erfolg haben, geht sie recht pragmatisch an. "Ich muss Sie alle bitten, sagen Sie den jungen Leuten: Das ist ein Irrweg. Das wird nicht funktionieren", fordert sie das Publikum einer deutsch-albanischen Wirtschaftskonferenz auf.

Ortswechsel: Sarajevo, Bosnien-Herzegowina. Nicht eine Flugstunde entfernt wird greifbar, was für eine schlimme Vergangenheit auf den Zukunftshoffnungen lastet. Zwei Jahrzehnte nach dem Ende des Bürgerkriegs trägt die Stadt immer noch ihre Narben, den Weg der Kanzlerinnen-Kolonne säumen zerschossene Häuserblöcke, die Löcher nur notdürftig mit Beton verkleistert. Hier feuerten Scharfschützen aus den nahen Bergen auf alles, was sich bewegte. Und dann das Massaker von Srebrenica, das sich in diesen Tagen zum 20. Mal jährt. Dort, rund 120 Kilometer von Sarajevo entfernt, wurden 8000 Menschen von bosnisch-serbischen Truppen ermordet. In der Hauptstadt erinnert eine "Wall of Death" in der Ausstellung "11/07/95" an sie. Viele der Toten haben hier bis heute ein Gesicht: Männer über Männer, manche älter, viele jung, Kinder noch, ausgelöschte Leben - alle in Schwarz-Weiß. Die Kanzlerin trifft Hinterbliebene. Ursprünglich war nur ein kurzes Gespräch geplant. Doch sie nimmt sich Zeit.

Am Samstag, wenn in Srebrenica offiziell der Toten gedacht wird, wird auf der Agenda der Kanzlerin wieder Griechenland an oberster Stelle stehen. So ist das, als Regierungschefin von ganz Europa.
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