Merkel und Erdogan
Kein kurzer Draht

Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan (rechts) und Kanzlerin Angela Merkel bei einem Treffen am 8. Juli in Warschau. Bild: dpa

Klingt banal, kann aber entscheidend sein: Sympathie erleichtert Kompromisse. Daran mangelt es im Verhältnis zwischen der Kanzlerin und dem türkischen Präsidenten. Was alles noch komplizierter macht.

Berlin. Nein, es gab lange kein Gespräch. Angela Merkel und Recep Tayyip Erdogan haben seit Beginn des Putschversuches in der Türkei am Freitagabend über dessen Abwendung am Samstag und den dann Tausenden Festnahmen bis Montagvormittag nicht miteinander telefoniert. Und ja, dass der türkische Präsident Deutschland um Asyl ersucht habe, sei nichts als ein Gerücht. So schildert Regierungssprecher Steffen Seibert am Montag die gelebten deutsch-türkischen Beziehungen der vorherigen 60 Stunden. Ein Gespräch zwischen dem wichtigsten Partner von EU und Deutschland bei der Bewältigung der Flüchtlingskrise und der mächtigsten Frau Europas fand lange nicht statt - und das in einer solchen Ausnahmesituation.

Merkel und Erdogan haben in all den Jahren ihrer politischen Machtausübung keinen Draht zueinander gefunden. Mit der emotionalen, aufbrausenden Art des Türken kann die sachliche, abwartende Deutsche nicht viel anfangen. Und mit der distanzierten, kritischen Haltung der CDU-Chefin kommt der frühere Vorsitzende der muslimisch-konservativen Partei AKP nicht klar. Kurz: Sie mögen sich nicht, was in der Politik meistens von Nachteil ist. Wie hilfreich ein wenig Sympathie sein kann, zeigt der Umgang von Merkel und dem früheren türkischen Premierminister Ahmet Davutoglu. Mit ihm verhandelte sie in Brüssel erfolgreich über den Flüchtlingspakt der EU und der Türkei - trotz aller inhaltlichen deutsch-türkischen Differenzen in Demokratie- und Rechtsfragen. Davutoglu musste auf Betreiben Erdogans im Juni aber abtreten.

Was die Beziehung zu Erdogan für die nüchterne Naturwissenschaftlerin zwischenmenschlich dem Vernehmen nach besonders kompliziert macht, sei sein ausgeprägter Stolz. Schwierige Sachverhalte würden für ihn schnell zur Frage der Ehre. Dann drehe sich die Diskussion im Kreis. Merkel wendet aber einige Kraft auf, den impulsiven, leicht reizbaren Erdogan nicht zu provozieren. Sie schwieg weitgehend zur Armenier- Resolution des Bundestags. Der Abstimmung blieb sie fern, auch wenn sie sich von dem Beschluss nicht distanzierte. Sie reagierte nach Ansicht vieler Parlamentarier auch zu weich auf Erdogans Verbalattacken gegen die türkischstämmigen Bundestagsabgeordneten, die für die Resolution gestimmt hatten. Oder auf das danach folgende Verbot für Bundestagsabgeordnete, Soldaten der Bundeswehr auf dem türkischen Luftwaffenstützpunkt Incirlik zu besuchen.

Merkel dürfte Erdogan auch im Sinne eines Zweckbündnisses für den Flüchtlingspakt bei der Stange halten wollen. Zum anderen nimmt sie vielleicht auch Rücksicht auf drei Millionen Menschen mit türkischen Wurzeln in Deutschland. Sie will sie nicht verstören und Erdogan damit in die Hände spielen, heißt es in Berlin. Wie sensibel die Lage ist, zeigen die Demonstrationen tausender Türken in Deutschland nach den ersten Meldungen über den Putschversuch und Erdogans Aufruf, für ihn auf die Straße zu gehen.

Merkels Langmut gegenüber Erdogan geht inzwischen aber auch einigen in der Union gegen den Strich. Sie wünschen sich eine Parteichefin, eine Kanzlerin, die irgendwann einmal auch "klare Kante" zeigt. Das tat sie am Montag auch - zum Gespräch zwischen den beiden kam es dann doch noch. Am Telefon forderte Merkel Erdogan auf, "die Prinzipien von Verhältnismäßigkeit und Rechtsstaatlichkeit walten zu lassen", wie eine Regierungssprecherin mitteilte. Und sie ließ ihn wissen, dass die Todesstrafe "mit dem Ziel einer EU-Mitgliedschaft in keiner Weise vereinbar ist."
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.