Messerattacke in London
Grenzen zwischen Amoklauf und Terror verschwimmen

An der Stelle, an der am späten Mittwochabend ein Mann scheinbar wahllos auf Passanten einstach, haben Menschen Blumen niedergelegt. Eine Frau aus den USA war noch am Tatort ihren Verletzungen erlegen. Bild: dpa
 

Seit Monaten versucht sich Großbritannien so gut wie möglich gegen einen Terroranschlag zu wappnen. Doch der tödliche Messerangriff vom Mittwoch in London zeigt: Es gibt keine hundertprozentige Sicherheit.

London. Als hätte er es geahnt: Noch am Mittwochmorgen kündigt Scotland Yards Chef Bernard Hogan-Howe an, bewaffnete Polizeistreifen in der britischen Hauptstadt zu verstärken. Man reagiere damit auf die jüngsten Attacken in Deutschland und Frankreich. Dann am späten Abend die Schreckensnachricht: Ein 19-jähriger Norweger mit somalischen Wurzeln sticht am Londoner Russell Square mit einem Messer auf mehrere Menschen ein.

Frau aus den USA stirbt


Polizisten treffen nur wenige Minuten nach dem ersten Notruf am Tatort ein und überwältigen den Mann. Doch für eine Frau aus den USA kommt jede Hilfe zu spät. Sie stirbt noch am Tatort. Fünf weitere Menschen werden verletzt. Obwohl die Polizei am Tag nach der Tat einen terroristischen Hintergrund so gut wie ausschließt, scheint der Fall die schlimmsten Befürchtungen der Briten zu bestätigen: Anschläge wie zuletzt bei Rouen, bei Würzburg oder in Ansbach könnten auch in Großbritannien geschehen. Dass angesichts der jüngsten Häufung dieser extremen Gewalttaten ausgerechnet die Metropole an der Themse verschont bleiben sollte, glaubte kaum jemand.

Erst Ende vergangener Woche hatte sich Londons Polizeichef mit einem offenen Brief an die Menschen gewandt: Die Frage sei nicht "ob, sondern wann" es zu einem Angriff käme, schrieb Hogan-Howe und rief die Briten zur Kooperation mit den Sicherheitsbehörden auf.

Der Fall beunruhigt die Briten auch deshalb, weil sie wissen, dass die Trennlinie zwischen Terrorangriffen und Amokläufen immer mehr verschwimmt. In einem Gastbeitrag für den Londoner "Evening Standard", der am Donnerstag nur einige Stunden nach der Tat veröffentlicht wurde, schrieb Londons Bürgermeister Sadiq Khan: "Wie wir bei früheren Anschlägen überall auf der Welt gesehen haben, kann hinter dem Angriffen auf unschuldige Menschen eine komplexe Mischung von Auslösern stehen."

Erst im Dezember vergangenen Jahres hatte ein psychisch kranker Mann versucht, einen Passanten in einer Londoner U-Bahn-Station zu enthaupten. Der Angriff misslang nur, weil die Klinge seines Messers abbrach. Der Mann begründete die Attacke damit, seine "Brüder in Syrien" rächen zu wollen. Er bezog sich damit auf den britischen Militäreinsatz gegen die Terrormiliz IS, den das Parlament in London nur wenige Tage zuvor verlängert hatte.

Historie der Angst


Keine psychischen Leiden hatten dagegen die beiden Mörder von Lee Rigby. Der 25-Jährige britische Soldat wurde im Mai 2013 vor seiner Kaserne im Londoner Stadtteil Woolwich mit einem Auto angefahren und anschließend mit Messern und einem Fleischerbeil getötet. Auch sie wollten Rache nehmen für Muslime, die angeblich von der britischen Armee getötet worden sind. Verheerend waren die Anschläge von 2005: Damals explodierten fast zeitgleich vier Bomben in U-Bahnen und einem Bus in der britischen Hauptstadt - 56 Menschen starben, mehr als 700 wurden verletzt.

Die Hoffnungen, dass sich ein ähnlich groß angelegter Angriff nicht wiederholt, ruhen auf den Geheimdiensten, der Polizei und der Tatsache, dass Terroristen aus dem Ausland weniger leicht in den Inselstaat Großbritannien einreisen können als nach Deutschland oder Frankreich oder Belgien. Doch das kann sich schnell als trügerisch erweisen. Die Briten wissen das.

Wie wir bei früheren Anschlägen überall auf der Welt gesehen haben, kann hinter dem Angriffen auf unschuldige Menschen eine komplexe Mischung von Auslösern stehen."Sadiq Khan, Bürgermeister von London
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