Michael Müller tritt aus Klaus Wowereits Schatten - Genossen heben ihn auf Parteitag offiziell ...
Ernster Kerl für die Hauptstadtspitze

Die Genossen ließen es richtig krachen. So viel, so lange und so stürmisch ist selten auf einem Parteitag der Berliner SPD geklatscht worden. Die Hauptstadt-Genossen fassen ihr Spitzenpersonal sonst nicht gerade mit Samthandschuhen an - am Samstag war alles anders.

Die Berliner SPD beendete die Ära Klaus Wowereit (61) zugunsten von Michael Müller (49). Die rund 230 Delegierten hielt es dabei nicht auf den Sitzen, Wowereit musste zwischendurch die Tränen wegzwinkern. Der monatelange Machtkampf um seine Nachfolge hatte die Berliner SPD in der Wählergunst zeitweilig bis auf 20 Prozent abrutschen lassen. Nun sollte ein Signal der Geschlossenheit ausgesandt werden. Das gelang. Einstimmig machten die Delegierten Müller zu ihrem neuen starken Mann. Er soll Berlin vom 11. Dezember an regieren.

Biedere Ausstrahlung

Dabei muss Müller nicht nur den Senat führen, sondern auch den Koalitionspartner CDU in Zaum halten. Bei der Wahl 2016 wird er voraussichtlich gegen den CDU-Chef und Innensenator Frank Henkel antreten. Beide sind sich in ihrer Bodenständigkeit, in ihrem Pragmatismus und ihrer eher biederen Ausstrahlung sehr ähnlich. Da muss Müller sich abgrenzen.

Den ersten Angriff startete er gleich auf dem Parteitag. Er warf Henkel jahrelange Tatenlosigkeit bei der Personalentwicklung vor. Die CDU reagierte prompt pikiert. "Daran merkt man, dass Müller vom Niveau noch kein Regierender Bürgermeister ist", hieß es am Sonntag aus dem Umfeld Henkels.

Doch Müller will nach mehr als 30 Jahren gemeinsamen Wegs mit Wowereit aus dessen Schatten treten. Daran ließ er in seiner kämpferischen Rede keinen Zweifel. Dabei hatte er es nach der Regie des Parteitags nicht leicht. Er redete nach Wowereit. Der erinnerte an die Erfolge seiner mehr als 13-jährigen Regierungszeit. Seinen Nachfolger ermahnte Wowereit, Mut zu unpopulären oder auch riskanten Entscheidungen zu haben. Dem Vorwurf, Müller sei zu blass und bieder, hielt Wowereit bissig entgegen: "Habt Ihr vergessen, dass genau dieser Glamourfaktor mir immer rechts und links um die Ohren gehauen wurde?"

Keine Scherze

Müller startete verhalten - kein Lächeln, kein Scherz. Doch dann redete sich der 49-Jährige in einer thematisch klaren und sehr angriffslustigen Rede frei, immer selbstbewusster und fordernder. Müller ist sich seiner Defizite und der Unterschiede durchaus bewusst. "Klaus zu kopieren geht ohnehin nicht. Ich habe meinen eigenen Stil und will meinen eigenen Weg gehen."

Und der heißt für ihn, seriös zu regieren, zuzuhören, statt "sich in Phrasen zu üben". Das könnte auch eine indirekte Kritik an Wowereit und dessen Regierungsstil gewesen sein.
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