Missbrauch in katholischer Kirche
Blick in den Abgrund

"Sexuelle Übergriffe sind keine Tätschelei, sondern ein Verbrechen." Zitat: Bischof Stephan Ackermann

Berlin. Sexuelle Unreife, Persönlichkeitsstörungen und pädophile Neigungen: Was Wissenschaftler über katholische Geistliche zu sexuellem Missbrauch zusammengetragen haben, klingt erschreckend. Bei rund 12 900 dokumentierten sexuellen Vergehen von Kirchenmännern in neun Ländern fassten rund 40 Prozent der Täter Kinder und Jugendliche über und unter deren Kleidung an. Mehr als ein weiteres Drittel wollte Sex. Geistliche vergingen sich in erster Linie an Jungen, berichtet Harald Dreßing vom Zentralinstitut für seelische Gesundheit in Mannheim.

Die Analyse, in die zu einem Drittel jüngere deutsche Studien einflossen, gehört zum Forschungsprojekt zu sexueller Missbrauch in der katholischen Kirche in Deutschland. Die Aufarbeitung ist eine Folge des Missbrauchsskandals, der 2010 am Berliner Canisius-Kolleg ans Licht kam und eine Lawine ins Rollen brachte. Das Projekt startete holprig. Die Bischofskonferenz hatte den Auftrag zuerst an das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen gegeben, es dem damaligen Leiter Christian Pfeiffer aber wieder entzogen. Er beklagte Kontrolle und Zensur.

Die neue Recherche in deutschen Diözesen soll bis Ende 2017 laufen und hat gerade begonnen. Die Forscher wollen von Personalakten bis zu Geheimarchiven Dokumente zu sexuellem Missbrauch sichten. "Wir kriegen von den Diözesen bisher alles, was wir anfordern", sagte Dieter Dölling vom Kriminologischen Institut der Universität Heidelberg.

Die Frage ist, ob die Akten-Methode die volle Wahrheit ans Licht bringen kann. 1700 Menschen haben bei der katholischen Kirche in Deutschland Anträge auf Entschädigung für sexuellen Missbrauch gestellt und ihre Peiniger genannt. Oft gebe es in den Personalakten aber keine Hinweise auf sexuelle Übergriffe, sagt Bischof Stephan Ackermann, Beauftragter der Bischofskonferenz.

Sexuelle Übergriffe sind keine Tätschelei, sondern ein Verbrechen.Bischof Stephan Ackermann
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