Misstrauen statt Mitleid

Fußmarsch mit dem Ziel Deutschland: Hunderte Flüchtlinge an der slowenisch-österreichischen Grenze bei Sentilj. Bild: dpa

Die Ankunft Tausender von Flüchtlingen verunsichert die Menschen in der Grenzregion Sloweniens. Denn mit der gewohnten Geruhsamkeit ist es vorbei. Die Stimmung ist explosiv. Das Mitleid hält sich bei manchen in engen Grenzen.

Das Flüchtlingslager direkt vor dem Altenheim der slowenischen Kleinstadt Brezice erinnert manche Bewohner an den Zweiten Weltkrieg. "Sie haben Angst und schlafen schlecht, weil die Bilder aus ihrer Jugend wieder da sind", sagt die Direktorin Andreja Flajs. Vor den Ruhebänken der alten Menschen patrouillieren Soldaten mit Sturmgewehren, Polizeihunde bellen. Hinter dem rot-weißen Band der Polizeiabsperrung ist der Zaun des Lagers zu sehen, an dem sich Dutzende von Flüchtlingen drängen.

Im Nachbardorf Mostec sagt der 26-jährige Mateuz Krulc: "Wir leben hier wie in einem Kriegsgebiet." Mit der geruhsamen Lage in der landschaftlich so schönen Region sei es vorbei. Im benachbarten Dobova gebe es 6000 Flüchtlinge, aber nur 700 Einwohner. "Nur gut, dass die Migranten alle an einem Ort gehalten werden", sagte er. Sonst wüsste man nicht, was alles passieren könne. Hat Mateuz Mitleid mit den verzweifelten Menschen aus Syrien oder Afghanistan? "Nicht besonders", antwortet der junge Gastwirt.

Unruhe in der Steiermark

Ähnlich ist die Stimmung in der Steiermark. Dort machten sich vorige Woche Hunderte Flüchtlinge auf den Weg, sie verließen das Lager unmittelbar am slowenisch-österreichischen Grenzübergang Spielfeld und liefen durch das Dorf mit seinen knapp 1000 Einwohnern. "Die Bevölkerung war deswegen sehr beunruhigt", sagt Bürgermeister Reinhold Höflechner (ÖVP). "Das konnte dann durch den verstärkten Einsatz von Polizei und Bundesheer gestoppt werden." Schwierig sei die Situation noch für die Betriebe an der Straße zum geschlossenen Grenzübergang. Die meisten hätten geschlossen, weil den Kunden der Zugang versperrt sei. So trifft es auch den an der Grenze gelegenen Nachtclub "The Hell".

Am Montag kommt auch Josef Ferk zum Gemeindeamt von Spielfeld. Der 76-jährige Ehrenbürger und Kapellmeister im Musikverein will eine Eingabe für die Erhaltung des Ortsnamens Spielfeld machen - seit Jahresbeginn heißt die Gemeinde offiziell Straß-Spielfeld, Anfang 2016 soll sie in "Straß in der Steiermark" umbenannt werden. "Das finden wir nicht in Ordnung", protestiert Ferk. Die vielen Flüchtlinge in Spielfeld, das sei ganz schlimm. "Nur gut, dass man sie wieder eingefangen hat."

Zeit der Gerüchte

Im Ort gingen Gerüchte um, dass es zu Plünderungen von Geschäften gekommen sei. "Solche Fehlinformationen haben dazu geführt, dass die Leute hier Angst haben", sagt die Mesnerin in der Schlosskirche von Spielfeld, Gerlinde Duh. "Mir tun die Flüchtlinge leid." Und sie verstehe nicht, dass die Zustände in dem Lager am Grenzübergang so katastrophal seien. "Man hat doch gewusst, dass so viele Leute kommen. Warum ist da nichts vorbereitet worden?"

Im September kamen die Flüchtlinge noch nicht über Slowenien, sondern über Ungarn nach Österreich. Zahllose Freiwillige halfen ihnen damals im Grenzort Nickelsdorf. Spielfeld ist anders. "Niemand hat uns hier etwas zu essen oder zu trinken gegeben", klagt am Dienstag der 29-jährige Ahmad Al Beddawi aus Damaskus nach einer im Freien verbrachten kalten Nacht im Niemandsland zwischen Slowenien und Österreich. "Ihr wollt uns nicht als Flüchtlinge aufnehmen. Aber die Waffen aus Europa, Russland und den USA zerstören unser Land."

Kirche verschlossen

Im slowenischen Dorf Dobova nahe der Grenze zu Kroatien sind keine Bewohner auf der Straße, als am Montagabend einige hundert Flüchtlinge zu Fuß dort eintreffen. Unter ihnen ist die syrische Christin Halla. Sie sieht die Dorfkirche und sagt unter Tränen, dass sie dort beten will. Aber das Tor der Marienkirche ist verschlossen. Zusammen mit einem Begleiter kniet sich Halla vor der Kirchentür zum Gebet nieder.
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