Mit dem Einmarsch der Roten Armee in Prag im Mai 1945 begann die Vertreibung der Deutschen aus ...
Rache auch für das Massaker von Lidice

Am 10. Juni 1942 machte die SS aus Rache für das Attentat auf den Chef des Reichssicherheitshauptamts, Reinhard Heydrich, den Ort Lidice dem Erdboden gleich. Mehr als 300 Einwohner kamen damals ums Leben. Heute befindet sich dort eine Gedenkstätte, in der Bronzestatuen an die damals ermordeten Kinder erinnern. Archivbild: dpa
Viele Jahrzehnte galt der 9. Mai 1945 in der kommunistischen Tschechoslowakei als der "Tag der Befreiung", an dem die Rote Armee in Prag einzog und - wie es hieß - "junge Frauen mit Fliedersträußen auf die Sowjetpanzer sprangen, um sich bei den Soldaten zu bedanken". Tatsächlich zog die Rote Armee in der Nacht zum 9. Mai kampflos in Prag ein, nachdem sie einen Hilferuf der Aufständischen in der Moldaustadt in etwa 70 Kilometer Entfernung ignoriert hatte. Auch die Amerikaner, die Pilsen befreit hatten, rückten nicht auf Prag vor, um die guten Beziehungen zu Stalin nicht zu gefährden.

Im damaligen Protektorat Böhmen und Mähren war es während des Krieges relativ ruhig gewesen. Den Widerstand, den es gab, machte Hitlers Statthalter Reinhard Heydrich zunichte, der 1941 auf der Prager Burg eingezogen war. Nach dem von Exil-Präsident Edvard Benes von London aus angewiesenen erfolgreichen Attentat auf Heydrich 1942 rächten sich die Besatzer furchtbar, erschossen alle politischen Häftlinge, schickten tausende Menschen in die Vernichtungslager, inhaftierten 10 000 "Verdächtige", ermordeten oder verschleppten die Menschen aus Lidice und Lezaky und machten beide Orte dem Erdboden gleich.

Anfang 1945 begann die sowjetische Großoffensive auf das Reichsgebiet, doch das Protektorat blieb außen vor. Das wurde zum Durchzugsgebiet für deutsche Flüchtlinge aus dem Osten, von denen sich Anfang Mai etwa 1,5 Millionen in Böhmen und Mähren aufhielten. Als sich deutsche Armee-Einheiten vor der Roten Armee zurückziehen mussten, versuchten sie sich in amerikanische Kriegsgefangenschaft zu retten. In den verlassenen Orten bildeten sich rasch tschechische Nationalausschüsse, die die Verwaltung übernahmen. SS-Verbände wüteten beim Rückzug mit Massenerschießungen und Terror.

Aufstand nach Zeitansage

Der Rückzugsweg führte über Prag, wo bis dahin etwa 80 000 Deutsche ausharrten, vorwiegend Flüchtlinge, Zivilisten und Verwundete. Am Morgen des 5. Mai meldete sich der Radiosprecher mit einer tschechisch-deutschen Zeitansage: "Je sechs hodin." (Auf Deutsch: Es ist sechs Uhr). Das war das vereinbarte Zeichen zum Prager Aufstand. Man schätzt, dass etwa 30 000 Tschechen in Prag über eine Waffe verfügten. Die waren zum großen Teil aus Großbritannien gekommen, organisiert vom Tschechischen Nationalrat, einer Art Dachorganisation des Widerstands im Untergrund.

Überall entbrannten Straßenkämpfe. Die Waffen-SS trieb mit ihren Panzern Frauen und Kinder vor sich her, um den Abbau von Barrikaden zu erzwingen. Hilfe bekamen die Aufständischen lediglich von russischen Truppen des Generals Andrei Wlassow, der sich von Hitler getrennt hatte und auf Anerkennung durch die West-Alliierten hoffte. Bei den Kämpfen in der Innenstadt zerschoss die SS noch das Gebäude des Alten Rathauses. Als die Aufständischen den Rückzug des deutschen Militärs erlaubten, zog das am Abend des 8. Mai ab. Deshalb fiel Prag Stunden später der Roten Armee kampflos in die Hände.

Deutsche in Lager gebracht

Während des Aufstands waren zahllose deutsche Zivilisten interniert worden, in Schulen, Kinos, auch in zwei Fußballstadien. In den Straßen regierte der Mob. Deutsche wurden gnadenlos verfolgt, ohne dass jemand nach Schuld oder Unschuld fragte. Jahrelang aufgestauter Hass entlud sich in Gewaltorgien und Lynchjustiz. Die Zahl der beim Aufstand umgekommenen deutschen Zivilisten wird auf 5000 bis 27 000 geschätzt. Aus den Sammelpunkten wurden Deutsche in Internierungs- und Arbeitslager geschafft, meist in Lager, die noch Tage davor Tschechen und Juden hatten erleiden müssen. Rund 350 000 Deutsche waren von Internierung betroffen. In den Lagern herrschten Brutalität, Sadismus und Gewalt. Tausende Deutsche setzten ihrem Leben selbst ein Ende.

Die Benes-Dekrete

Doch es ging nicht nur darum, Gleiches mit Gleichem zu vergelten, was von einem speziellen Gesetz amnestiert wurde. Für die Führung unter Benes ging es nicht um die bloße Bestrafung, sondern mithilfe zahlreicher Präsidialdekrete um die kollektive Enteignung und Vertreibung der Deutschen. Benes vertraute dabei nicht einer internationalen Regelung, wollte nicht so lange warten. Es kam zu massenhaften "wilden Vertreibungen". Bis August mussten bis zu 700 000 Deutsche das Land verlassen, in dem ihre Vorfahren seit 800 Jahren gelebt hatten.

Ab November 1945, gestützt auf Beschlüsse der Potsdamer Konferenz, wurden die "Abschiebungen" dann plangemäß abgewickelt. Insgesamt wurden mehr als 2,2 Millionen Deutsche vertrieben, rund 1,4 Millionen davon landeten in der späteren Bundesrepublik, knapp 800 000 in der sowjetischen Besatzungszone, der späteren DDR. 230 000 Deutsche blieben verschont, weil ohne sie die Produktion zusammengebrochen wäre. Diskriminiert sind diese Deutschen bis heute: Teile ihres Lohns hatte man zur "Wiedergutmachung" einbehalten, was sich entsprechend auf die Rentenansprüche auswirkt. Die große Mehrheit der Tschechen heißt das - 70 Jahre nach Kriegsende - nicht gut.
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