Moskau und der Westen
Unterkühltes Verhältnis

US-Außenminister John Kerry (links) und sein russischer Amtskollege Sergej Lawrow unterhalten sich am 14. September 2013 in Genf (Schweiz). Obwohl sich die beiden regelmäßig treffen, wird die Sprachlosigkeit zwischen beiden Ländern immer größer. Archivbild: dpa
 
Diese Kinder in Damaskus hoffen auf Frieden. Bild: Kirche in Not

Immer tiefer wird die Kluft wegen festgefahrener Konflikte in Syrien und der Ukraine. Zu bereden gibt es daher viel zwischen Moskau und dem Westen. Jetzt stehen neue Syrien-Gespräche Russlands und der USA an.

Moskau. Nach Wochen schwerster Anfeindungen und mitten im hitzigen US-Wahlkampf wagen Russland und der Westen einen neuen Verhandlungsversuch im Syrien-Konflikt. Überraschend einigten sich Moskau und Washington auf neue Gespräche am Samstag, 15. Oktober, in der Schweiz. Es wirkt wie ein Sieg des Pragmatismus in einer Periode der Entfremdung zwischen Ost und West wie einst zu Zeiten des Kalten Krieges.

Die Entscheidung kommt einen Tag nach Wladimir Putins rigoroser Absage eines Treffens mit dem französischen Präsidenten François Hollande. In Paris hätten die beiden Staatschefs wohl vor allem über die festgefahrene Lage im Syrien-Konflikt sprechen wollen. Es wäre eine Chance gewesen, um die vergiftete Stimmung zu reinigen. Die Absage ist ein deutliches Zeichen für die Krise, weil Kremlchef Putin sonst kaum einen Gelegenheit auslässt, um mit Besuchen im Westen zu zeigen, dass er Russland nicht durch Sanktionen isoliert sieht. Doch aus Paris wie Washington kamen zuletzt vor allem bittere Pillen, die Putin schlucken musste. "Kriegsverbrechen" wirft der Westen der russischen Luftwaffe in der umkämpften syrischen Großstadt Aleppo vor. Erst vergangene Woche hatten die USA demonstrativ den Dialog mit Russland über eine neue Waffenruhe ausgesetzt, die Gesprächskanäle froren nach und nach ein. Als Reaktion legte Putin kurzerhand ein Abkommen über die Vernichtung von atomwaffenfähigem Plutonium auf Eis.

Aufgeladene Stimmung


Nicht zuletzt Vorwürfe aus den USA, Russland mische sich mit angeblichen Hackerangriffen in den Präsidentschaftswahlkampf ein, belasten das Verhältnis. Die Anschuldigungen seien Unsinn, betont Chefdiplomat Lawrow. Trotz der aufgeladenen Stimmung hatten Experten wie Dmitri Trenin vom Moskauer Carnegie Zentrum eine Rückkehr an den Verhandlungstisch erwartet. "Moskau und Washington können selbst keinen Frieden schließen in Syrien", schrieb er noch vor Ankündigung der neuen Gespräche. "Aber eine Lösung ohne sie ist unmöglich." In Syrien arbeitet Russland beständig daran, seine militärische Stellung auszubauen. Der Föderationsrat bestätigte am Mittwoch zudem ein Abkommen mit Syrien, die russisch genutzte Basis bei Latakia zu einem ständigen Stützpunkt aufzurüsten.

Vor allem aber die andauernden Bombardements in Aleppo schüren den Streit mit dem Westen. "Die Ereignisse der vergangenen Tage zeigen, dass Russland in Syrien auf einen militärischen Sieg in Aleppo setzt ohne Rücksicht auf Proteste des Westens", sagt der Experte Wladimir Sotnikow. Ein Sieg in Aleppo wäre vermutlich ein Wendepunkt in dem Krieg mit Hunderttausenden Toten in mehr als fünf Jahren.

Die katastrophale Entwicklung in Syrien hatte Debatten über neue Sanktionen gegen Russland ausgelöst, auch in Deutschland. Möglich, dass es nicht so kommt, sagt Fjodor Lukjanow. "Aber von der Hoffnung auf eine noch vor wenigen Monaten erwarteten Lockerung der Strafmaßnahmen können wir uns erstmal verabschieden", schätzt der Herausgeber der Zeitschrift "Russia in Global Affairs". Beobachter halten auch für möglich, dass durch das neue Syrien-Treffen diesen Diskussionen der Wind aus den Segeln genommen werden könnte. Das Wichtigste sei nun, eine Konfrontation zwischen Russland und den USA in Syrien zu vermeiden, sagt Lukjanow. "Ein Kalter Krieg ist vor allem in der Anfangsphase gefährlich, wenn noch nicht klar ist, wo die "roten Linien" verlaufen", schreibt er in der Regierungszeitung "Rossijskaja Gaseta".

Der Appell der syrischen KinderMehr als eine Million Schulkinder aus Syrien haben Botschaften an die politisch Verantwortlichen der Weltgemeinschaft geschrieben. Hochrangige christliche Geistliche reisen in diesen Tagen aus Syrien zu Institutionen der Europäischen Union in Brüssel und der Vereinten Nationen in Genf, um die Friedensappelle der Kinder zu überbringen, wie das katholische Hilfswerk "Kirche in Not" am Mittwoch in München berichtete. Die Organisation hat die Aktion nach eigenen Angaben initiiert.

Zur Delegation zählen der Mitteilung zufolge Patriarch Gregorios III., Oberhaupt der melkitischen griechisch-katholischen Kirche, der griechisch-orthodoxe Metropolit George Abou Zakem aus Homs sowie der syrisch-orthodoxe Bischof Silvanos Petros Al-Nemeh. Unter dem Motto "Frieden für Kinder" fanden Anfang Oktober in mehreren syrischen Städten gemeinsam von katholischen und orthodoxen Christen organisierte Kundgebungen und Aktionen statt, wie das Hilfswerk weiter informierte. Dabei seien auch Muslime zur Teilnahme eingeladen worden. Die Aktion sei eine erste Reaktion auf die gemeinsame Erklärung von Papst Franziskus und dem russisch-orthodoxen Patriarchen Kyrill nach deren erster Begegnung in Havanna im Februar, hieß es.

Das Hilfswerk verwies darauf, dass Kinder die Hauptleidtragenden des Krieges in Syrien seien. Allein in den beiden ersten Kriegsjahren seien 11 500 Kinder ums Leben gekommen, mehr als zwei Millionen Kinder könnten derzeit keine Schule besuchen. "Kirche in Not" hat seit Kriegsbeginn nach eigenen Angaben 14,6 Millionen Euro für Soforthilfe bereitgestellt. (KNA)
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