Nach dem blutigen Anschlag
Trauer in Nizza, Streit in Paris

Blumen, Kerzen und die Figur eines weinenden Hasen erinnern in Berlin-Charlottenburg vor der Paula-Fürst-Schule an die zwei Schülerinnen und eine Lehrerin, die seit dem Anschlag von Nizza vermisst werden. Bild: dpa
 
Die Fahnen an der "Promenade des Anglais" in Nizza wehen auf halbmast. In Frankreich regieren nach dem Anschlag eines 31-jährigen Tunesiers weiter Trauer und Verzweiflung. Am Sonntag war aber auch der nahe Strand von Nizza schon wieder dicht belagert. Drei Tage nach der Amokfahrt mit 84 Toten schwebten noch immer 18 Opfer in Lebensgefahr. Bild: dpa


Im Niemandsland zwischen Bangen und TrauerSeit dem Anschlag von Nizza hat die Berliner Paula-Fürst-Schule von drei Menschen - zwei Schülerinnen und einer Lehrerin - aus ihrer Mitte kein Lebenszeichen mehr erhalten. Weiße und rote Rosen, Nelken und Sonnenblumen stehen an einer Rollstuhlrampe aufgereiht vor der Schule, daneben brennen zwei Dutzend Grablichter. Keinen Passanten lässt das unberührt. Alle blicken auf die Trauerstätte. Einige Fußgänger halten an. Manche schließen die Augen, falten die Hände. Ein Radler bremst so scharf, dass sein Hintermann fast auf ihn fährt. Auch wenn allgemein vom Tod der drei Vermissten bei dem feigen Attentat mit einem Kühllaster ausgegangen wird, so befindet sich die Paula-Fürst-Schule am Wochenende in einem quälenden Schwebezustand, in einem Niemandsland zwischen Bangen und Trauerarbeit. "Mit dieser Ungewissheit müssen wir jetzt umgehen", steht auf der Webseite der Schule.

Auf der Facebookseite geben Schüler ihren Gefühlen Raum - Trauer, Mitgefühl. "Sie war meine Deutschlehrerin", schreibt eine Userin ganz knapp. Eine andere Nutzerin hinterlässt: "Ich empfinde allertiefstes Mitgefühl. Mit den Eltern, Geschwistern und der Familie aller Betroffenen. Möge Gott Ihnen Kraft und Trost spenden." (dpa)

Frankreich trägt Trauer: Zum dritten Mal in eineinhalb Jahren wurde die Nation von einem Anschlag erschüttert. In die Trauer mischen sich aber zunehmend auch politische Schuldzuweisungen.

Von Klaus Blume, dpa

Paris. Drei Tage lang leuchtet Frankreichs Wahrzeichen Tag und Nacht in den Nationalfarben. Seit dem späten Freitagabend wird der über 300 Meter hohe Eiffelturm in Paris in Blau-Weiß-Rot angestrahlt. In vielen Kathedralen läuteten die Totenglocken. Bis Montag dauert die Staatstrauer, die Präsident François Hollande nach dem fürchterlichen Anschlag von Nizza mit mindestens 84 Toten und mehr als 300 Verletzten angeordnet hat. Heute Mittag soll mit einer Schweigeminute der Opfer gedacht werden.

Frankreich steht unter Schock. Zum dritten Mal binnen eineinhalb Jahren wurde das Land von einem blutigen Anschlag getroffen: Erst die Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" und ein Supermarkt im Januar 2015, dann ein Nachtclub, Cafés, Restaurants und das Stade de France am 13. November und nun das Blutbad an der Côte d'Azur. Doch statt die Nation zusammenzuschweißen, gibt es politischen Streit, die konservative Opposition attackiert die sozialistische Regierung, der Wahlkampf im nächsten Jahr wirft seine Schatten voraus.

Hat Hollandes Regierung wirklich genug getan, um die Bürger zu schützen? Politiker auf der rechten Seite des politischen Spektrums bezweifeln das. "Frankreich ist im Krieg, aber wir benutzen nicht die Waffen des Krieges", kritisierte Éric Ciotti, Abgeordneter der republikanischen Partei des früheren Präsidenten Nicolas Sarkozy, in einem Interview der konservativen Zeitung "Le Figaro". Die Regierung sei zu naiv, sie müsse viel mehr in die Sicherheit investieren, sagte Ciotti. Auch der republikanische Regionalpräsident der Region Provence-Alpes-Côte d'Azur, Christian Estrosi, ein Ex-Bürgermeister von Nizza, kritisierte die Sicherheitspolitik der Regierung.

Doch Premierminister Manuel Valls will auf die Sicherheitskräfte nichts kommen lassen. "Ein Präsidentenwahlkampf ist es nicht wert, dass man das Land spaltet", sagte er an die Adresse der Opposition. Im Mai 2017 wird in Frankreich ein neues Staatsoberhaupt gewählt. Hollandes Popularitätswerte sind seit langem im Keller. Es ist nicht bekannt, ob der 2012 für eine erste Amtszeit gewählte Sozialist noch einmal antritt. Vor allem die rechtsradikale Front National sieht sich im Aufwind. Parteichefin Marine Le Pen warf der Regierung am Samstag schweres Versagen vor. Die öffentliche Sicherheit, so viel scheint klar, dürfte zu einem zentralen Wahlkampfthema werden.

Den Sicherheitsbehörden war der 31-jährige Tunesier, der mit seinem 19-Tonner in die Menschenmenge raste, nicht als Islamist bekannt. Nach den Aussagen von Personen aus seinem Umfeld könnte sich Mohamed Lahouaiej-Bouhlel aber in jüngster Zeit radikalisiert haben. Der Mann, der zuvor als Gewalttäter und Kleinkrimineller aufgefallen war, soll aufgehört haben, Alkohol zu trinken. Die Zeitung "Le Parisien" sprach von einer "Express-Radikalisierung".

Fernab vom politischen Streit in Paris trauerten die Menschen in Nizza um die Opfer. Am Wochenende kamen sie auf der palmengesäumten Promenade des Anglais am Mittelmeer zusammen.
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