Nach dem Mord an Brexit-Gegnerin Jo Cox
Politikbetrieb hält inne

Die britische Fahne auf halbmast vor dem Big Ben. Gegner und Befürworter eines Brexit setzten den Wahlkampf nach dem Mord an Jo Cox zunächst aus. Bild: dpa

Eine britische Parlamentarierin wird in ihrem Wahlkreis ermordet. In wenigen Tagen steht das Referendum zum Verbleib in der EU an. Was nun?

London. Der Mord an der britischen Brexit-Gegnerin Jo Cox schockt das Königreich. Das Verbrechen fällt mitten in den Endspurt des Brexit-Wahlkampfes. Da drängen sich einige Fragen auf:

Wer ist der Mann, der die Politikerin umbrachte?

Ein 52 Jahre alter Mann ist in Haft, die Polizei sucht keine Hintermänner. Nachbarn in der Reihenhaussiedlung beschrieben den Mann als unauffälligen Einzelgänger. Er soll keinen Job haben, hin und wieder aber Gartenarbeiten für Nachbarn erledigen. "Ein Mann von wenig Worten", sagte ein Nachbar der BBC. Die Polizei untersucht mögliche Verbindungen zur rechtsradikalen Szene und mögliche psychische Probleme.

Was war sein Motiv?

Das ist noch unklar. Medienberichten zufolge soll er vor Jahren Verbindungen zu einer Neonazi-Organisation in den USA gehabt haben. Ebenfalls in der Vergangenheit habe er die Zeitung einer rassistischen Organisation in Südafrika abonniert. Augenzeugen berichten, der Angreifer habe bei seiner Festnahme die Worte "Britain First" gerufen - das ist auch der Name einer rechtsradikalen Partei in Großbritannien. Es könnte aber auch in Bezug auf Cox' Engagement für Flüchtlinge oder sogar in Richtung Brexit-Debatte gemeint gewesen sein. Doch das sind Spekulationen.

Wofür stand Jo Cox?

Die 41-Jährige hat früher für Hilfsorganisationen gearbeitet. Cox setzte sich für die Aufnahme von Flüchtlingen aus Syrien ein. Sie machte Front gegen den Einsatz von Kindersoldaten und für die Landbevölkerung in Afghanistan. Jo Cox war aber auch eine entschiedene Kritikerin der herkunftsorientierten britischen Klassengesellschaft.

Was bedeutet das Verbrechen für den Wahlkampf vor dem Brexit-Referendum?

Sowohl das "Remain"-Lager, das den Verbleib Großbritanniens in der EU favorisiert, als auch die Brexit-Befürworter setzten ihren Wahlkampf zunächst aus. Das "Remain"-Lager will dies auch am Samstag so halten. Am Montag tritt das Unterhaus zu einer Sondersitzung zusammen, um die Tote zu ehren. Zunächst wurden keine Stimmen für eine Absetzung oder Verschiebung des Referendums laut.

Hat der Mord Einfluss auf den Ausgang eines Brexit-Referendums?

Das ist unklar. Große Ereignisse können zuweilen die Stimmungslage vor einer Abstimmung über Nacht verändern. Tatsächlich wurde die Brexit-Debatte in den vergangenen Wochen zusehends schärfer und emotionaler geführt. Dennoch gab es im Großen und Ganzen keine hässlichen Attacken, die gezielt auf eine Person gerichtet waren. Demonstrativ legten Premier David Cameron und Labour-Oppositionschef Jeremy Corbyn am Freitag gemeinsam Blumen am Ort des Verbrechens nieder. Ob der Ton im Wahlkampf bis zur Abstimmung am Donnerstag milder und vernünftiger wird, bleibt abzuwarten.

Hat Großbritannien ein Problem beim Schutz von Parlamentariern?

Der letzte Mord an einem Unterhaus-Abgeordneten liegt 26 Jahre zurück. Damals wurde der konservative Ian Gow von nordirischen Terroristen getötet. Aber: Das Innenministerium hat erst im Januar eine Studie veröffentlicht, wonach Parlamentarier häufig Opfer von Angriffen werden. Vier von fünf hätten Erfahrungen mit gewalttätigen oder zumindest belästigenden Angriffen oder Bedrohungen gemacht, jeder fünfte sei bereits tätlich angegriffen worden. 36 Abgeordnete hätten angegeben, in der Öffentlichkeit Angst zu haben.
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