Nach dem Putsch
Panzer und der „Segen Gottes“

Vor seiner Residenz: Am Samstag erklärte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan den Putschversuch für gescheitert. Bild: dpa
 
Panzer rollten über Autos, die Brücken über den Bosporus wurden gesperrt. Bild: dpa

Kampfjets donnern über Istanbul, das Parlament wird bombardiert, Panzer rollen auf die Bosporus-Brücke. Ein blutiger Militärputsch erschüttert die Türkei - und scheitert. Dann beginnt die Hexenjagd.

Istanbul. Hunderttausende sind auf die Straßen und Plätze in der Türkei geströmt, vielleicht sind es sogar Millionen, die der Müdigkeit trotzen. Kaum jemand hat in der dramatischen Nacht zuvor ein Auge zugemacht. Präsident Recep Tayyip Erdogan hat sie gerufen, den öffentlichen Raum nicht den Putschisten zu überlassen. Auch auf dem Istanbuler Taksim-Platz feiern bis in den Sonntagmorgen hinein Tausende den "Sieg der Demokratie",

Niemand hatte damit gerechnet, dass am Wochenende über das Schicksal des Nato-Partners Türkei entschieden werden könnte. Die Putschisten bringen unter anderem sechs F16-Kampfflugzeuge in ihre Gewalt. Sie bombardieren das Parlament und die Umgebung des Präsidentenpalastes in Ankara, sie lassen Panzer auffahren, die in Istanbul die Bosporus-Brücke blockieren. Sie dringen in den Staatssender TRT ein und zwingen eine Moderatorin, eine Erklärung zu verlesen. Darin verkünden die Putschisten, sie hätten die Macht übernommen, um "die Demokratie und die Menschenrechte" wiederherzustellen. Sie erlassen eine Ausgangssperre, angeblich zum Schutz der Bürger, bei denen zunächst Panik zu überwiegen scheint. Die ältere Generation erinnert sich noch mit Schrecken an den Putsch von 1980. In der gut dreijährigen Militärdiktatur danach werden rund 650 000 Menschen festgenommen, etliche werden hingerichtet.

Anruf bei CNN Türk


In den ersten Stunden des jüngsten Putschversuches wird eine Frage immer drängender: Wo ist Erdogan? Plötzlich wird er im Sender CNN Türk zugeschaltet - per Facetime vom Handy aus. Das entbehrt nicht einer gewissen Ironie, Erdogan ist alles andere als ein Freund von Internet-Kommunikation. Bei dem Anruf unternimmt Erdogan einen ebenso geschickten wie gewagten Schachzug. Er appelliert an die Türken, sich den Putschisten entgegenzustellen. Ein lebensgefährlicher Appell, die Umstürzler schießen auf Demonstranten. Doch er funktioniert. Nicht nur stellen Erdogans Anhänger eine Mehrheit in der Türkei, viele davon verehren ihn auch wie einen Heiligen - und wären im Zweifel wohl bereit, für ihn zu sterben. Menschenmassen strömen auf die Straßen und zum Atatürk-Flughafen. TV-Bilder zeigen, wie sich Bürger Panzern entgegenstellen, doch gewaltfrei bleibt der Widerstand nicht: Es gibt Videos, die zeigen, wie Soldaten, die sich ergeben haben, misshandelt und angeblich sogar gelyncht werden.

Die Putschisten haben sich verschätzt. Dass Anhänger Erdogans sie nicht unterstützen würden, damit mussten sie rechnen. Doch auch große Teile der Armee machen nicht mit. Vor allem aber verweigert das gesamte demokratische Spektrum den Umstürzlern die Gefolgschaft. Die Opposition verurteilt den Putschversuch. Der Aufstand ist allerdings eine Steilvorlage für Erdogans Forderung nach Einführung eines Präsidialsystems mit einem starken Mann an der Spitze, ihm selber. Der Putschversuch sei "letztendlich ein Segen Gottes", sagt er - und werde als Anlass dienen, "dass unsere Streitkräfte, die vollkommen rein sein müssen, gesäubert werden". Auch in der Justiz lässt Erdogan aufräumen. Die Regierung verkündet am Sonntag, rund 6000 Menschen seien festgenommen worden - darunter Generäle und Richter am Verfassungsgericht. "Liebe Brüder, ist das genug?", fragt Erdogan beim Begräbnis eines der Putschopfer.

Aufruf zu Denunziation


Eine rhetorische Frage, die Erdogan gleich selber beantwortet: "In allen Behörden des Staates wird der Säuberungsprozess von diesen Viren fortgesetzt." Die Hexenjagd hat schon begonnen: Die Polizei ruft am Sonntag alle Bürger dazu auf, Internetnutzer zu melden, die auf sozialen Medien "terroristische Aktivitäten" unterstützen. Profile dieser "kriminellen Elemente" und Screenshots sollten an die Sicherheitskräfte übermittelt werden.

In allen Behörden des Staates wird der Säuberungsprozess von diesen Viren fortgesetzt.Recep Tayyip Erdogan
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