Nach kurzer Schockstarre finden in Frankreich Regierung und Opposition zurück in ihre Rollen
Nach Anschlag politische Grabenkämpfe

Frankreichs Präsident François Hollande hat nach dem Terroranschlag an die Einheit der Nation appelliert. Das Land dürfe sich nicht durch unnütze Streitereien ablenken lassen, forderte er. Bild: dpa
Der "Geist des 11. Januar" spukte nur wenige Wochen durch Frankreich. Nach dem Anschlag auf die Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" und der folgenden Terrorserie mit insgesamt 17 Opfern erlebte das Land eine beispiellose Welle internationaler Solidarität, und die sonst so streitlustigen Franzosen rückten für einige Zeit näher zusammen. Ein Symbol dafür bleibt jener Tag im Januar, als in Paris Millionen Menschen gegen den Terror auf die Straße gingen. Nach der jüngsten islamistischen Attacke nahe Lyon ergibt sich ein anderes ganz Bild: "Der ,Geist des 26. Juni' hat niemals existiert", stellt die Zeitung "Le Monde" ernüchtert fest.

Zwar hat Präsident François Hollande nach dem Anschlag vom Freitag dazu aufgerufen, nun wie nach "Charlie Hebdo" zusammenzurücken. Doch nach der ersten Schockstarre brechen die gewohnten Grabenkämpfe auf. Ganz vorne dabei: Ex-Präsident Nicolas Sarkozy, der umgehend schärfere Sicherheitsmaßnahmen verlangte. Dabei hatte Sarkozy im Januar noch kräftig mit ins Horn der nationalen Einheit geblasen - und sich bei der großen Solidaritätsdemonstration in die erste Reihe amtierender Staats- und Regierungschefs gedrängelt.

Den Chef der konservativen Republikaner treiben Ambitionen für eine neuerliche Präsidentschaftskandidatur. Zudem wird noch in diesem Jahr in den französischen Regionen gewählt. Nach dem Anschlag vom Freitag mahnt Sarkozy seinen ungeliebten Nachfolger Hollande jetzt zu "mehr Wachsamkeit" und fordert "alle erforderlichen Maßnahmen zum Schutz unserer Landsleute". Sarkozy lässt unerwähnt, dass die Entscheidung, die zeitweilige Beobachtung des späteren Attentäters von Lyon 2008 nicht fortzusetzen, in seine eigene Amtszeit fiel. Einen der späteren Terroristen der Januar-Attacken hatte Sarkozy noch als Staatschef im Élyséepalast empfangen - als Beispiel für gelungene Integration.

Sarkozys Parteifreund Bruno Le Maire fordert die "Ausweisung aller radikalen Islamisten". Die Konservativen rücken damit nah an die rechtsextreme Front National. FN-Chefin Marine Le Pen verwies bereits auf Dauerforderungen wie Ausweisungen, nationale Grenzüberwachung statt länderübergreifender Schengen-Zone oder Baustopp für Moscheen. Verschwiegen wird dabei gern: Die Mehrzahl der Attentäter in Frankreich hatte einen französischen Pass, war im Land geboren und sozialisiert. Regierungschef Manuel Valls sagt denn auch: "Der Feind steckt im Inneren." Es gebe eine "große terroristische Bedrohung".
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