Nach Votum zum Brexit
Europäer suchen Kurs

"Wir sollten aus der Krise Lehren ziehen und weiter diskutieren, wie wir in Europa leben wollen." Zitat: Bundespräsident Joachim Gauck

Das historische Referendum über einen Brexit hat Großbritannien gespalten. Aber auch in der EU insgesamt ist klar, dass es kein "Weiter so" in Europa geben kann.

London/Brüssel. In der Europäischen Union mehren sich die Stimmen, unabhängig vom Ausgang des Referendums grundsätzlich über die EU nachzudenken. Ein "Weiter so" könne es nicht geben, hieß es am Donnerstag über die Parteigrenzen hinweg.

Einer unmittelbar nach Schließung der Wahllokale veröffentlichten Befragung des Institutes YouGov zufolge haben sich 52 Prozent der Wähler für einen Verbleib in der EU ausgesprochen, 48 Prozent dagegen. Die Befragung entspricht jedoch nicht den Kriterien einer klassischen Wahlprognose. Erste Auszählungsergebnisse wurden am frühen Morgen erwartet.

EU-Währungskommissar Pierre Moscovici rief die EU zu tiefgreifenden Reformen auf. "Wir müssen Europa grundlegend verändern", sagte der französische Sozialist den Zeitungen der Funke Mediengruppe. "Es wäre allerdings die falsche Antwort, die EU aufzugeben. Wir brauchen eine europäische Zusammenarbeit, die Jobs und Wachstum schafft, die die Flüchtlingskrise löst und die Außengrenzen sichert", sagte der Kommissar. "Das ist die Lehre aus dem britischen Weckruf. Wir müssen zuhören - und verstehen, was die Bürger wollen."

Europas Grünen-Chef Reinhard Bütikofer betonte im Fernsehsender Phoenix: "Wir können uns nicht zurücklehnen, ein "Weiter so" ist ausgeschlossen. Wir müssen liefern, was die Bürger von uns erwarten." Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) warnte vor hektischen Reaktionen. Europa solle das Ergebnis "gemeinsam und auch in Ruhe" beraten, sagte Merkel nach einem Treffen mit ihrem neuen österreichischen Kollegen Christian Kern am Donnerstag in Berlin. "Ich halte nichts davon, jetzt in Untergruppen zu zerfallen." Bundespräsident Joachim Gauck warnte davor, einfach zur Tagesordnung überzugehen. "Wir sollten aus der Krise Lehren ziehen und weiter diskutieren, wie wir in Europa leben wollen", sagte Gauck am Donnerstag in der bulgarischen Hauptstadt Sofia. "Das Beste an der Debatte über den sogenannten Brexit war die Debatte selbst", sagte Gauck. Sie habe Unmut über die Europäische Union ans Licht gebracht, der zuvor im Verborgenen geschwelt habe.

Nach einem erbittert geführten Wahlkampf hatten die Wähler im Vereinigten Königreich am Donnerstag darüber abgestimmt, ob das Land Mitglied der EU bleibt oder der Gemeinschaft nach 43 Jahren den Rücken kehren wird. Insgesamt hatten sich bis Donnerstag rund 46,5 Millionen Wähler für die Stimmabgabe registriert. Trotz schlechten Wetters bildeten sich lange Schlangen vor Wahllokalen. (Seite 2)

Wir sollten aus der Krise Lehren ziehen und weiter diskutieren, wie wir in Europa leben wollen.Bundespräsident Joachim Gauck
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