Neue Premierministerin vor altem Problemhaufen
May braucht eiserne Nerven

Zack, Zack bringen die Briten historische Stunden hinter sich: Der scheidende Premierminister David Cameron (links) mit seiner Frau Samantha (rechts) und ihren Kindern im Abflug aus Downing Street No. 10. Bild: dpa

Beim Thema Migration ist Theresa May knallhart, beim Thema Brexit muss sie Wandlungsfähigkeit zeigen. Dann ist da noch das explosive Thema Schottland. Eine Herkulesaufgabe für die neue Premierministerin.

London. Da feiert das Brexit-Lager einen historischen Sieg, Großbritannien muss aus der Europäischen Union (EU) - drei Wochen später wird Theresa May Premierministerin, die im Wahlkampf gegen den Brexit war. Die Frage ist: Wie fühlt sich Frau May, wenn sie demnächst in Brüssel Verhandlungen führen muss, die sie gar nicht führen wollte?

Anlass für Spekulationen wie im "Independent": "Wird Theresa May wirklich diejenige sein, die den Artikel 50 auslöst? Ich glaube das nicht", meint Kommentator Sean O'Grady. Das klingt nach einem echten Glaubwürdigkeitsproblem der Neuen.

Vermutlich, so O'Grady, wird May auf einen Art "Brexit Lite" zusteuern - sozusagen ein Ausstieg, aber stark verwässert. Doch weil die EU da kaum mitspielen wird, könnte es bald schon ein Ende haben mit May in der Downing Street - dann werde Boris Johnson, der lautstarke Brexit-Mann mit den blonden Strubbelhaaren, in einem Jahr an die Tür klopfen.

Doch an diesem Mittwoch geht es erstmal um die Übergabezeremonie. Gemeinsam mit ihrem Ehemann Philip trifft May am späten Nachmittag im Buckingham-Palast ein. Die Prozedur zur Amtsübergabe ist very british: Schnell, pragmatisch und ohne Pomp bringen die Briten solche historischen Stunden hinter sich.

Für die 90 Jahre alte Queen ist das Routine: May ist der 13. Amtsinhaber in Downing Street, den sie ernennt, nach Margaret Thatcher die zweite Frau. Seit Jahrzehnten steht Großbritannien nicht mehr vor einem derart explosiven Problemgemisch:

Brexit: Ziel bei den Austrittsverhandlungen mit der EU ist, weiterhin den freien Zugang zum EU-Binnenmarkt zu sichern. Doch die EU beharrt: nicht ohne die Garantie der Freizügigkeit für Personen - also die ungehinderte Migration aus EU-Staaten. Das aber will May nicht, die schon als Innenministerin eine harte Linie in Sachen Einwanderung vertrat. Dann ist da noch die in Brexit-Lager und EU-Lager gespaltene Partei - kein leichtes Spiel für May.

Wirtschaft: Bereits an diesem Donnerstag dürfte die Zentralbank an der Zinsschraube drehen und den Leitzins senken, um die Konjunktur anzukurbeln. Die akute Brexit-Katastrophe bleibt bisher zwar aus, doch die Stimmung ist düster. Unsicherheit herrscht vor allem am Finanzplatz London.

Schottland: Edinburgh will in jedem Fall in der EU bleiben. Die schottische Regierung fasst ein zweites Unabhängigkeitsvotum ins Auge. 2014 scheiterte ein Referendum nur knapp, das könnte jetzt anders ausgehen. Großbritannien ohne Schottland - das wäre Mays Alptraum.

Und David Cameron? Normalerweise spricht man ja gut über einen scheidenden Premier. Doch bei Cameron ist das anders. "Die Geschichte wird ihn für den einen riesigen Brexit-Fehlschlag in Erinnerung behalten, den größten außenpolitischen Rückschlag seit Suez", meint der "Guardian" unerbittlich. Der Mann habe sein Land verraten. Kein freundlicher Abschied.

May ernennt neue MinisterBoris Johnson, einer der wichtigsten Kämpfer für den EU-Austritt, ernannte Theresa May zum Außenminister. Der Abgeordnete David Davis wird als Staatssekretär für den geplanten Brexit zuständig sein. Den bisherigen Außenminister Philip Hammond ernannte May zum neuen Schatzkanzler. Finanzminister George Osborne trat zurück. teilte Downing Street weiter mit. Zudem rückt die Abgeordnete Amber Rudd an Spitze des Innenministeriums. (dpa)
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