Neuer Präsident Alexander Van der Bellen kommt Aufgabe als Brückenbauer im eigenen Land zu
Gartenparty am Ende des Wahlkrimis

Wien. Plötzlich wirkt alles friedlich und entspannt. Nach einem Polit-Krimi sondergleichen herrscht am Montagabend im Garten des Palais Schönburg in Wien nun die wohlige Atmosphäre einer gelungenen Gartenparty.

Eine gute Stunde, nachdem Österreichs Innenminister Wolfgang Sobotka endlich das Ergebnis der Bundespräsidentenwahl verkündet hat, tritt der designierte neue Staatschef vor die Presse. Es ist schon in diesem Moment ein Auftritt mit Symbol-Charakter: Hinter Alexander Van der Bellen weht nicht nur die rot-weiß-rote Fahne der Alpenrepublik, sondern auch die blaue Europaflagge mit ihren zwölf Sternen. Er wolle ein Präsident aller Österreich sein, ließ er schon vorher wissen. FPÖ-Kandidat Norbert Hofer (45) fuhr mit 49,7 Prozent der Stimmen ein Rekordergebnis ein - noch nie waren die Rechtspopulisten in Österreich so stark. "Weckruf" und "Signal" waren in Reaktionen aus Brüssel bis Berlin viel strapazierte Begriffe.

Ruhige Töne


In Österreich selbst versuchten die Kandidaten nach Wahlschluss, nicht noch mehr Öl ins Feuer zu gießen. Van der Bellen zollte noch am Sonntagabend in der ORF-Wahlsendung seinem Kontrahenten seinen Respekt für dessen Einsatz. Nicht alle Wähler der "Blauen" - das ist die Farbe der FPÖ - seien rechts. Auch Hofer gab sich im Wahlkampf konziliant. Am Montag schrieb er auf Facebook: "Natürlich bin ich heute traurig. Ich hätte gerne für Euch als Bundespräsident auf unser wunderbares Land aufgepasst." Zunächst war das alles. Erst heute will die FPÖ sich wieder äußern - unter anderem zur Frage, ob sie die Wahl anfechten wird.

Jedenfalls geht es nun um das Brückenbauen. Die beiden Lager trennen Welten. Ein einziges Motiv scheinen die Wähler aber laut Analysen gemeinsam zu haben: Den Ärger über die rot-schwarze Koalition. "Die ,Verärgerten' haben Hofer gewählt, die ,Enttäuschten' Van der Bellen", sagt der Politologe Peter Filzmaier. Hofer sollte dafür sorgen, dass es dem von Rekordarbeitslosigkeit geplagten Land wieder besser geht. Wenn Van der Bellen auch seine Gegner mittel- und langfristig gewinnenen will, muss er deren Angst vor dem Abstieg, vor einer Verschlechterung der Lebensqualität ganz ernst nehmen. 48 Prozent seiner Wähler haben ihm vor allem ihre Stimme gegeben, weil sie Hofer verhindern wollten. "Van der Bellen ist für viele zu links, bürgerliche Wähler auf dem Land taten sich schwer", meint die Politologin Kathrin Stainer-Hämmerle. Wahlbestimmend war das Stadt-Land-Gefälle.

Rotes Wien als "Rettung"


In den großen Städten konnte der 72-Jährige passionierte Raucher eine große Anhängerschaft versammeln. Zugespitzt: Das "rote Wien" hat ihm die Staatsspitze gesichert. Dort sammelte er bei der Urnenwahl 61 Prozent, bei der Briefwahl gar um die 70 Prozent ein. Das reichte für den knappen Sieg.

Die FPÖ kann sich damit trösten, dass sie sich nicht nur nach ihrer Lesart Verdienste um das Land erworben hat. Kanzler Werner Faymann (SPÖ) warf selbst der Handtuch. "Mit seinem Sieg im ersten Wahlgang hat Hofer das ausgelöst, worauf Millionen Österreicher gehofft haben", sagt der Chef des Meinungsforschungsinstituts OGM, Wolfgang Bachmayer.

Dafür hat die FPÖ jetzt mit Christan Kern als Bundeskanzler und künftigen SPÖ-Chef ein anderes politisches Kaliber vor der Nase. Vielleicht ein Eigentor, wie manche Beobachter meinen.
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