Neuer Rekord fordert heraus

Eine Zahl mit großer Wirkung: Die neue Asyl-Prognose setzt einiges in Gang. Die Entwicklung ändert Haushaltspläne und vielleicht sogar die Gesellschaft.

Deutschland rechnet in diesem Jahr mit bis zu 800 000 Asylanträgen. Im Mai kalkulierte das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) noch mit 450 000 Asylanträgen bis zum Jahresende. Schon das wäre ein Rekord gewesen. Nur einmal kletterte die Zahl der Asylanträge bislang über die Marke von 400 000 - als 1992 Zehntausende Flüchtlinge aus dem zerfallenden Jugoslawien und aus Südosteuropa ins Land kamen.

"Die Entwicklung ist eine Herausforderung für uns alle", sagt Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU), am Mittwoch in Berlin. "Überfordert ist Deutschland mit dieser Entwicklung nicht." Für Bayern rechnet Sozialministerin Emilia Müller (CSU) mit mehr als 120 000 Asylbewerbern. Die neue Schätzung sprenge alle Vorstellungen, sagte sie und forderte finanzielle Unterstützung vom Bund. Der "exorbitant hohe Zugang" lasse sich nicht mehr allein stemmen.

Was bedeutet der enorme Anstieg für Deutschland? Schon jetzt sind Flüchtlingsunterkünfte überfüllt und Behörden überlastet. Beim Bamf haben sich mehr als 250 000 unerledigte Asylanträge angestaut. "Wir müssen anders, wir müssen schneller, wir müssen pragmatischer handeln", sagt de Maizière. Er will unter anderem Vorschriften lockern, die bislang die Einrichtung neuer Flüchtlingsunterkünfte behindern. Die Plätze in Erstaufnahmeeinrichtungen sollen verdoppelt oder verdreifacht werden.

Offene Grenzen in Frage

An einigen Stellen will de Maizière aber auch eine härtere Gangart einlegen. Die hohe Zahl der Anträge von Menschen aus Balkanstaaten müsse dringend verringert werden. Außerdem könne es nicht sein, dass Deutschland auf Dauer 40 Prozent aller Asylbewerber in Europa aufnehme. Im Zweifel stehe auch das Prinzip der offenen Grenzen in der EU zur Disposition.

De Maizière wie auch Experten gehen von dauerhaft hohen Zahlen an Flüchtlingen in den kommenden Jahren aus - und davon, dass etwa 40 Prozent von ihnen dauerhaft bleiben. Wenn Tausende mit ihren Kulturen und Religionen kommen, dürfte das auch die Gesellschaft verändern. Bei großen Teilen der Bevölkerung ist die Offenheit dafür groß und die Hilfsbereitschaft riesig. Es gibt aber auch jene, die Asylunterkünfte angreifen und hetzen. Auch damit wird sich der Staat auseinandersetzen müssen.
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