Neues Jahr, altes Chaos
Flüchtlinge frieren vor dem Lageso

Eine Mutter wärmt in einem Wärmezelt vor dem Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales bei frostigen Temperaturen die Hände ihres Kindes. Die Lage hat sich seit Dezember zwar leicht verbessert, dennoch kommen mehr Flüchtlinge als die Behörde an einem Tag erfassen kann. Bild: dpa

Die Bilder sind vertraut, aber nach wie vor verstörend: Am Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales drängen sich zu Jahresbeginn wieder Hunderte Flüchtlinge. Bei klirrender Kälte kann sich glücklich schätzen, wer im Zelt auf seinen Termin warten darf.

Berlin. Sie schlingen ihre Decken eng um sich und treten von einem Fuß auf den anderen - doch bei minus elf Grad und schneidendem Wind hilft das nichts: Die Flüchtlinge, die unter freiem Himmel vor dem Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) warten, müssen frieren. Im Verpflegungszelt geht schon am Morgen der wärmende Tee aus. Er ist gefragt in der Kälte der deutschen Hauptstadt.

"Kein Unterschied"


In den vergangenen Monaten ist das Lageso bundesweit zum Symbol für Missstände und Behördenversagen geworden. Politiker haben Besserung gelobt. Nach den Feiertagen hat das Lageso am Montag zum ersten Mal wieder regulär um 6.30 Uhr die Arbeit aufgenommen - und wieder warten schon frühmorgens viel mehr Flüchtlinge, als das Amt an einem Tag abfertigen kann. Hunderte haben es immerhin in die beheizten Wartezelte geschafft. Andere waren zu spät - Wachleute schieben sie immer wieder von den Eingängen zurück.

Dort hofft auch der 34-jährige Rami aus Syrien darauf, dass seine Frau heute bei einem Beamten vorsprechen kann - sehr optimistisch gibt er sich aber nicht: "Ich habe gehört, dass der Leiter vom Lageso ausgetauscht wurde und dass hier jetzt alles besser werden soll", sagt er. "Aber ich sehe keinen Unterschied." Die Behörde bekomme einfach die Schlangen nicht in den Griff. Nur zwei Leute verteilten in einem Zelt die Wartemärkchen - bei Hunderten von anstehenden Flüchtlingen. "Ich mache den Mitarbeitern vom Lageso keine Vorwürfe", sagt dagegen Arifan aus dem Kosovo. "Hier sind einfach zu viele Leute." Trotzdem hoffe er, dass die Lage sich bald bessere. Ein bisschen gebessert hat sie sich tatsächlich: Niemand campiert mehr auf dem Bürgersteig vor dem Gelände. Beheizte Zelte sind nun durchgehend geöffnet. Statt durch Schlamm und Pfützen laufen die Flüchtlinge mittlerweile über Matten. Und neu ankommende Flüchtlinge werden im Eilverfahren erfasst und per Bus in Notunterkünfte gebracht.

Jeden Tag besser


Berlins Sozialsenator Mario Czaja (CDU) besucht am Montag das Gelände. Er betont, es seien neue Mitarbeiter eingestellt worden. Familien mit Kindern, Kranke sowie Behinderte würden bevorzugt behandelt. "Wir wollen natürlich die Situation auch weiterhin verbessern. Daran arbeiten wir jeden Tag." Noch während er spricht, brandet im Zelt hinter ihm Tumult auf. Mütter schwenken an einer Metallabsperrung ihre Babys. Wachmänner blaffen Flüchtlinge an. Im Griff haben die Behörden die Lage längst noch nicht.

EU-Kritiker Vaclav Klaus warnt vor "Migrations-Tsunami"Auf Europa rollt nach Ansicht des tschechischen EU-Kritikers und Ex-Präsidenten Vaclav Klaus ein "Migrations-Tsunami" zu. "Es geht darum, ob wir unsere europäische Kultur, Zivilisation und Lebensweise durch Horden von Menschen zerstören lassen, die von anderen Kontinenten zu uns kommen", sagte der 74-Jährige nach einem Bericht der Zeitung "Lidove noviny" (Montag). In der Flüchtlingsbewegung sieht Klaus eine Verschwörung der EU-Institutionen. Die Zuwanderung diene Brüssel dazu, die Nationalstaaten aufzulösen, und einen neuen europäischen Menschen der Zukunft zu schaffen. "Das wollten Diktatoren wie Hitler und Stalin in der Vergangenheit immer erreichen", sagte Klaus. Der neoliberale Politiker stand von 2003 bis 2013 an der Spitze seines Landes. Tschechiens amtierender Präsident Milos Zeman hatte in seiner Weihnachtsansprache vor der Flüchtlingsbewegung als einer "organisierten Invasion" gewarnt. Von Jahresanfang bis Mitte Dezember 2015 wurden in Tschechien 1425 Asylanträge registriert. Im gleichen Zeitraum erhielten 71 Personen Asyl und 385 wurden vorübergehend aufgenommen. (dpa)
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