Nigeria taumelt am Abgrund

Unterstützer des amtierenden nigerianischen Präsidenten Jonathan Goodluck ziehen zum Wahlkampfauftakt am Donnerstag durch die Straßen von Lagos. Bild: AFP

Die islamistischen Terroristen der Boko Haram bringen das ölreiche Nigeria ins Wanken. Die Regierung scheint hilflos. Experten warnen vor noch mehr Gewalt nach der Präsidentschaftswahl im Februar.

Das bevölkerungsreichste Land Afrikas droht auseinanderzubrechen. Die islamistische Terrororganisation Boko Haram kontrolliert inzwischen weite Landesteile im Nordosten Nigerias. Die Regierung in Abuja wirkt angesichts immer neuer Schreckensmeldungen über Anschläge, Entführungen und tödlicher Angriffe der Gruppe hilflos. Präsident Goodluck Jonathan konzentriert sich scheinbar ganz darauf, seine Wiederwahl in wenigen Wochen zu sichern. Doch Experten warnen, dass die Spannungen zwischen Muslimen und Christen in dem ölreichen Land nach der Wahl Mitte Februar noch weiter eskalieren könnten.

Schuldzuweisungen

Jonathan, in dessen Amtszeit seit 2010 der Boko-Haram-Terror eskalierte, versucht, die Verantwortung von sich zu weisen. In einer Rede zum Wahlkampfauftakt am Donnerstag wies er der Zeitung "Premium Times" zufolge dem Oppositionskandidaten Buhari, der das Land von 1983 bis 1985 als Militärmachthaber regierte, die Schuld für die schlechte Ausrüstung der überforderten Streitkräfte zu. Die Berichte über Hunderte Tote bei Angriffen der Terroristen im Norden in den vergangenen Tagen erwähnte er nicht. Er verurteilte einzig den Terroranschlag in Paris.

Bei der Wahl am 14. Februar zeichnet sich ein knappes Rennen zwischen Jonathan aus dem mehrheitlich christlichen Süden und Buhari aus dem muslimischen Norden ab. Das Risiko gewaltsamer Ausschreitungen ist dabei "besonders hoch", befürchtet der Thinktank International Crisis Group. Falls beide Seiten den Wahlsieg für sich beanspruchen sollten, "könnte es nach der Wahl zu gewaltsamen Ausschreitungen zwischen den Anführern im Norden und ihren Gegenspielern im Niger Delta kommen." Bei Unruhen nach der letzten Wahl 2011 starben mehr als 1000 Menschen. Wenn das Land durch eine umstrittene Wahl weiter destabilisiert wird, befürchten viele eine erneute Offensive von Boko Haram im Norden, wo die Gruppe einen Gottesstaat errichten will.

Die Zahl der Anschläge und Angriffe der Terrorgruppe schnellte im vergangenen Jahr in die Höhe, nachdem die Regierung Ende 2013 das Kriegsrecht in den drei am meisten betroffenen nördlichen Staaten ausgerufen hatte. Schätzungen gehen davon aus, dass bei Anschlägen der sunnitischen Terrororganisation 2014 mehrere Tausend Menschen getötet wurden. Bei weiteren Angriffen in den vergangenen Tagen starben womöglich weitere Hunderte Zivilisten.

Die Gewalt hat laut UN-Flüchtlingshilfswerk mehr als 650 000 Menschen im Norden zur Flucht in andere Regionen gezwungen. Zehntausende sind vor den Terroristen in die Nachbarländer geflohen - in den Niger, nach Tschad und nach Kamerun. Auch die Terroristen haben den Konflikt über Nigeria hinaus ausgeweitet. In den vergangenen Monaten hat die Gruppe Angriffe auf Orte im Tschad und in Kamerun ausgeführt.

Glauben verloren

In den Blick der Welt geriet der Terror im April, als Boko Haram im Dorf Chibok mehr als 200 Schülerinnen entführte. Selbst Amerikas First Lady Michelle Obama oder die Schauspielerin Angelina Jolie beteiligten sich an einer Kampagne "Bring Back Our Girls" (Bringt unsere Mädchen zurück). Doch von den Mädchen fehlt noch immer jede Spur. Den Versprechungen der Präsidentschaftskandidaten, den Kampf gegen Boko Haram mit Nachdruck fortzuführen, schenken die Menschen in den nordöstlichen Staaten kaum mehr Glauben.
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