Nur keine Flüchtlinge: Vom Baltikum bis in die Slowakei wollen die Mitglieder der Europäischen ...
Der Osten der EU vergisst die Solidarität

Gerettete Bootsflüchtlinge am Pfingstmontag in Südspanien. Der Streit um die Verteilung der Zuwanderer in der EU tobt weiter. Bild: dpa
Der Anfang vom Ende des Kommunismus in Ostmitteleuropa begann mit dem Wort "Solidarität". Doch fast 35 Jahre nach dem historischen Streik auf der Danziger Leninwerft und mehr als ein Vierteljahrhundert nach der friedlichen Revolution von 1989 kommt dieses Wort den Regierungen in Riga und Budapest, Warschau und Bratislava nicht über die Lippen, wenn es um die Aufnahme der Menschen geht, die über das Mittelmeer nach Europa geflohen sind.

In ihrer Ablehnung von Quoten für Flüchtlinge bilden die östlichen EU-Staaten eine geschlossene Front gegen Vorschläge aus Brüssel oder gegen Forderungen etwa Italiens, das Land durch die Aufnahme von Migranten zu entlasten. Dabei liegt der Anteil von Ausländern in diesen Staaten deutlich unter dem westeuropäischer Länder, muslimische Einwanderer gibt es nur in verschwindend geringer Zahl. Dennoch hat eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung schon vor Jahren in Ländern wie Polen oder Ungarn einen besonders hohen Anteil islam- und fremdenfeindlicher Meinungen festgestellt.

Westeuropa als Ziel?

Der polnische Vize-Außenminister Rafal Trzaskowski ist überzeugt, die Migranten wollten gar nicht in den Osten, den ärmeren Teil der EU: "Sie wollen in die wohlhabenden Staaten. Und wenn sie erst mal im Schengen-Raum sind, hindert sie nichts, dorthin zu ziehen." Ähnlich sieht es der slowakische Außenminister Miroslav Lajcák: "Wie wollen Sie Menschen im Rahmen einer Gemeinschaft mit der Freiheit des Personenverkehrs auf ein Land beschränken?" Besonders unverblümt ist der rechtsnationale ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán. "Wir wollen, dass niemand mehr kommt, und die, die schon hier sind, nach Hause gehen", sagte er. Orbán hat in Ungarn eine Bürger-Befragungsaktion zur Flüchtlingspolitik gestartet mit Fragen wie: "Soll die Regierung nicht anstelle der Flüchtlinge die ungarischen Familien mit Kindern unterstützen?" In Tschechien werden Ängste vor Islamisten geschürt: "Nicht jeder Muslim ist ein Terrorist, aber die meisten Terroristen sind Muslime", sagte Präsident Milos Zeman einmal. Der slowakische Innenminister Robert Kalinák in Bratislava meint zu Quoten: "Das wäre zugleich ein Sicherheitsrisiko wie auch wirtschaftlich sehr riskant." Auch Polen will sich nicht an feste Quoten binden lassen und nur freiwillig Menschen aufnehmen.

Dabei ist Emigration gerade in Ländern wie Polen ein Riesenthema. Rund 2,5 Millionen vor allem junger Leute haben das Land seit dem EU-Beitritt verlassen und etwa auf den britischen Inseln Arbeit und eine bessere Zukunft gesucht. Die baltischen Staaten gehören durch Emigration zu den am schnellsten alternden in der EU.

Flüchtlinge als Vorfahren

Erst vor kurzem öffnete in der nordpolnischen Hafenstadt Gdingen (Gdynia) das Museum der Emigration, um an die Auswanderungswelle im 19. Jahrhundert in die USA zu erinnern. Viele von denen, die in den baltischen Staaten im vergangenen Vierteljahrhundert die Politik prägten, waren ehemalige Exilanten, etwa der estnische Staatspräsident Toomas Hendrik Ilves, der als Kind estnischer Flüchtlinge in Schweden geboren wurde. "Wir müssen Solidarität zeigen", sagte er kürzlich, räumte aber ein, dass dies "nicht unbedingt eine weit verbreitete Ansicht" in seinem Heimatland sei. In der lettischen Zeitung "Latvijas Avize" war in einem Kommentar zu lesen: "Viele ... haben es sehr ähnlich getan - sie sind in Fischerbooten über das Meer nach Schweden geflüchtet. Haben wir nun das moralische Recht, die Notleidenden abzulehnen?"
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