Obama zwischen allen Stühlen

In Ferguson brannten in der Nacht zum Dienstag Hunderte Autos und Häuser. In den Straßen tobten Schlachten zwischen Randalierern und der Polizei. Diese wurde vom Ausmaß der Gewalt überrascht: "Ich will ehrlich sein, ich habe einen Abend wie diesen nicht vorausgesehen", sagte Polizeichef Jon Belmar am Dienstag. Bild: dpa

Brennende Häuser, Schüsse in den Straßen. Die Bilder aus Ferguson sind dramatisch. Wieder stellt sich die Frage: Werden die USA die Spannungen zwischen Schwarzen und Weißen je überwinden? Selbst der erste schwarze Präsident wirkt ratlos.

Es ist bereits dunkel in Ferguson. Hunderte haben sich vor dem Polizeigebäude versammelt. Sie erwarten eine Entscheidung. Sie sind bereit, sie zu bejubeln oder gegen sie zu protestieren. Im Nachbarort Clayton stellt sich Staatsanwalt Robert McCulloch der Presse. Er erklärt das Urteil der Grand Jury. Diese prüfte, ob der weiße Polizist Darren Wilson für seine Todesschüsse auf den schwarzen Teenager Michael Brown angeklagt wird.

Ansprache im Weißen Haus

In Washington verfolgt Präsident Barack Obama die Entwicklung. McCulloch ist noch mitten in seinen Ausführungen, da kündigt das Weiße Haus spontan einen Auftritt Obamas in wenigen Minuten an. Noch während McCulloch erklärt, warum der Polizist in Notwehr gehandelt habe, als er den unbewaffneten 18-Jährigen erschoss, ruft Obama die Demonstranten zur Ruhe auf - beklagt aber zugleich ungelöste Konflikte zwischen Schwarzen und Weißen.

In Ferguson fliegen zu diesem Zeitpunkt schon Steine und Flaschen, Gebäude brennen. Die Ausschreitungen sind schlimmer als im August nach dem Tod von Michael Brown. Auch in anderen Städten haben in der Nacht Unzufriedene demonstriert. Der "Freispruch" für Wilson ist der Auslöser, aber nicht die Ursache. Die Situation in Ferguson zeige, dass die Geschichte der Diskriminierung in seinem Land trotz aller Fortschritte noch nicht zu Ende sei, sagt Obama. "Es gibt immer noch Probleme, und die schwarzen Gemeinden erfinden die nicht einfach nur."

Ein schwieriger Auftritt für den ersten schwarzen US-Präsidenten. Er muss Gemüter beruhigen, das Justizsystem verteidigen und unparteiisch sein. Er ist der Vertreter des ganzen Volkes, nicht der afroamerikanischen Minderheit. "Es gibt gute Leute auf allen Seiten der Debatte", sagt er. Doch er wirkt ausgelaugt, enttäuscht.

Es wäre einfach, Ferguson als tragischen Einzelfall abzutun. So, wie Staatsanwalt McCulloch die Beweislage darlegt, klingt es plausibel, dass Polizist Wilson sich tatsächlich bedroht fühlte. Er habe den 18-Jährigen an jenem schicksalsschweren Sommertag aufgefordert, nicht mitten auf der Straße zu gehen. Dabei habe er gewusst, dass Brown möglicherweise zuvor einen Laden überfallen hatte.

Der Jugendliche sei an das Fenster des Polizeiwagens getreten und habe reingegriffen. Es gab ein Gerangel. Zwei Schüsse fielen. Wilson sagt, Brown habe ihn geschlagen, nach seiner Waffe gegriffen. Dann habe er sich wieder vom Wagen entfernt. Wilson sei ihm nachgelaufen. Es gebe Beweise, dass der Teenager sich umgedreht habe und zwei Mal auf Wilson zugekommen sei. Deshalb feuerte der Polizist zehn Schüsse.

Es "existiert kein hinreichender Verdacht", dass Wilson das Gesetz gebrochen habe, schlussfolgert McCulloch. Entscheidungen im Justizsystem fielen nicht "als Antwort auf einen öffentlich Aufschrei oder aus politischer Berechnung". Doch der Auftritt des Chefanklägers wirkt herablassend. Seine Beileidsbekundung für Browns Eltern wirkt kühl.

Keine Lösungen

Obama, dem ehemaligen Sozialarbeiter in einer schwarzen Kirchengemeinde in Detroit, sind weitgehend die Hände gebunden. Vorurteile lassen sich nur bedingt durch Gesetze bekämpfen. "Das sind echte Probleme. Wir müssen sie verstehen und herausfinden, wie wir weitere Fortschritte machen", sagt Obama. Das klingt vage. Lösungen bietet er nicht.
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