Oberpfälzer helfen in Griechenland
Flüchtlingshelfer auf der Insel Kos

Der Fischbacher Michael Goldhahn verteilt am Strand der griechischen Insel Kos Brote an Flüchtlinge. Dringend bräuchte die Hilfsorganisation für die nächtlichen Rettungsfahrten einen Minibus (7-oder 9-Sitzer, VW T5 oder ähnliches) - gerne ein abgeschriebenes, aber intaktes Firmenfahrzeug.
 
Flüchtlinge aus einem Lager in der Nähe von Idomeni versuchen vergeblich den Grenzfluss zu Mazedonien zu überqueren. Bild: dpa

"Ich schäme mich für Europa", sagt Michael Goldhahn. "Griechenland wird allein gelassen." Mit dem Ergebnis muss der Oberpfälzer Flüchtlingshelfer auf der Insel Kos fertig werden.

Fischbach/Kos. "Wir sind 500 Millionen Europäer, da sind wir nicht in der Lage, 3 Millionen Flüchtlinge aufzunehmen?", ärgert sich der Fischbacher, der mit seiner Hilfsorganisation Flying help seit 2010 verzweifelte Flüchtlinge aus ihren viel zu kleinen Schlauchbooten zieht. Hunderttausende vor allem syrische Bürgerkriegsflüchtlinge warteten in der Türkei noch auf die Überfahrt. "Ein Blick auf die Karte sollte genügen", sagt der Fluglehrer.

Meer-Grenze


Auch wenn die Küstenwache mehr Patrouillen fahre und von der Nato unterstützt werde: "Wenn so ein Schlauchboot mal losgefahren ist, dann brauchen Sie nicht fünf, sondern 25 bis 30 Schiffe allein zwischen Kos und Lesbos - das ist ungeheuer schwer, in der Nacht die kleinen schwarzen Boote zu erkennen." Jeder Politiker, der schon mal hier war, wisse, dass es nicht am Unwillen der Griechen scheitere.

"Die einzige Möglichkeit, die Grenze dicht zu machen, bestünde auf türkischer Seite", sagt Goldhahn. "Aber glaubt jemand wirklich, dass die Türken vor ihren Hotels und Stränden Zäune hochziehen und schwerbewaffnete Militärs davorstellen?" Das wär's dann mit der Haupteinnahmequelle Tourismus. Wie die EU sich vorstelle, sogenannte Wirtschaftsflüchtlinge auszusortieren und in die Türkei zurückzuschicken, ist Goldhahn ein Rätsel: "Die überwiegende Zahl der Menschen kommt aus Afghanistan, wo die Taliban wieder Städte erobern, dem Irak, wo der IS weite Teile beherrscht - und über den schrecklichen Krieg in Syrien brauchen wir gar nicht zu reden."

Noch sei die Lage auf Kos nicht so dramatisch: "Beim häufig hohen Seegang im Winter ist eine Überfahrt kaum möglich." Wieviele es trotzdem versuchten und dabei kenterten, könne keiner sagen. "Bei ruhigem Seegang kommen in der Nacht etwa 200 Menschen an - die Leute fahren dann schnell weiter nach Athen und in den Norden." Dorthin, wo Mazedonien als neue Südgrenze Europas die Balkanroute versperrt.

Flying help ist zurzeit mit drei Helfern vor Ort. Wenn die Profis vom Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen, dem UNHCR abends ihre Arbeit einstellen, beginnt ihre Schicht. "Wir fahren nachts mit einem Bus Patrouillen - acht Kilometer am Strand in beide Richtungen." Vor Ort gibt es eine stationäre Nachtschicht, die trockene Kleidung und Schuhe parat hält. "Es ist kalt, die Leute kommen pitschnass hier an, barfuß und mit kurzer Hose", beschreibt Goldhahn die gespenstischen Szenen, die sich jede Nacht am Strand abspielen. "Sie müssen schleunigst den Kindern eine Wollmütze über die Ohren ziehen."

Obwohl die Arbeit der Helfer zwischen 10 und 4 Uhr physisch anstrengend ist und an die Nieren geht, bekommt Goldhahn täglich Bewerbungen. "Sie kommen aus allen Schichten und jedem Alter - Selbstständige, Angestellte, sogar ein Personalchef aus einer Deutschland weiten Kette und eine Geschäftsführerin aus dem Landkreis Schwandorf waren dabei."

Einzige Bedingung: "Man sollte nicht unbedingt Depressionen haben." Es hätten schon Medizinstudenten aufgegeben, weil man es mit Menschen in Extremsituationen zu tun hat - paralysiert, traumatisiert, aber auch Minenopfer mit schweren Verletzungen. Die meisten bleiben 10 bis 14 Tage, ausgebildete Sozialarbeiter glücklicherweise auch mal länger. "Zum Teil übernehmen wir die Kosten, aber die allermeisten spenden den Betrag wieder zurück an die Vereinskasse."

Besonders freut sich Goldhahn, der sich in der Oberpfalz schon seit zehn Jahren für die Integration von Flüchtlingen engagiert, dass einige seiner Schützlinge als Helfer mitanpacken: "Ihab, ein junger Mann aus Syrien, ist selbst über Kos geflohen, dort krankenhausreif verprügelt worden - und hilft trotzdem." Natürlich eine große Hilfe, da er arabisch spricht. Auch der junge Syrer Wessam wird von den Hilfsorganisationen sehr gelobt. "Wir versuchen jetzt, eine Ausbildung für ihn zu bekommen."

Teilen wie der Hl. Martin


Obwohl der gelernte Flugzeugmechaniker einen notorischen Helferinstinkt hat - vor der politischen Wende in Mittelosteuropa hat er Flüchtlinge aus Polen und der DDR privat bei sich aufgenommen und ihnen Arbeit besorgt - kann er sich eine Ausweitung des Flying-help-Einsatzes auf Idomeni nicht vorstellen: "Wir sind angefragt worden, aber das haben wir zurzeit nicht im Kreuz."

Auch deswegen, weil die Spendenbereitschaft in Deutschland seit den Ereignissen von Köln abrupt zurückgegangen sei: "Als ob ein Zusammenhang zwischen der Hilfe für hochschwangere Frauen, einem Kriegsflüchtling mit Krücken, Familien, die knapp die Überfahrt überlebten und einigen dummen Jungs bestünden, bei denen an Silvester die Sicherungen durchbrannten."

Er sei kein gläubiger Mensch, aber orientiere sich gerne an christlichen Werten: "Es gibt so viele Beispiele, wie den Hl. Martin, der seinen Mantel teilt - daran müssen wir uns erinnern, ansonsten entsteht ein unkontrollierbarer Mob der Verzweiflung."

___



Weitere Informationen:

www.flying-help.de

Spenden für Flying help"Einen solchen Zynismus, sich selbst nicht an europäisches Recht zu halten", kritisierte EU-Parlamentspräsident Martin Schulz (SPD) Regierungschefs, die sich weigern, Flüchtlinge aufzunehmen, "anschließend aber zu kritisieren, dass wir mit der Türkei verhandeln, sei rechtswidrig, also so was hab ich noch nicht erlebt." Eine Zusammenarbeit mit der Türkei sei notwendig, um den Flüchtlingszustrom zu regeln. Ganz ähnlich sieht das auch Michael Goldhahn, Gründer der Hilfsorganisation Flying help: "Angela Merkels Ansatz, die Situation auf der türkischen Seite zu verbessern, ist richtig." Die Menschen bräuchten Unterkunft, Perspektive, Bildung für die Kinder." Und dann muss man langfristig die Fluchtursachen bekämpfen." Aktuell versorgt der gemeinnützige Verein Flying help auf der griechischen Insel Kos frierende Flüchtlinge - Spenden auf das Konto IBAN: DE57 75061168 000 1093371, BIC: GENODEF1SWN dringend erwünscht. (jrh)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.