Panzer, Jubel, Handy-Fotos

Begeisterter Empfang: Eine US-Soldatin posiert mit einem tschechischen Kind, das eine Tafel mit der Aufschrift "Willkommen in Prag" in der Hand hält. Bild: dpa

"Die Stimmung ist fantastisch - aber das Wetter schrecklich": Die tschechische Bevölkerung empfängt den US-Militärkonvoi anders als erwartet.

"Nein, eigentlich wollte ich mir das nicht ansehen" sagt Frantisek Kratochvil und zieht die Schirmmütze wegen immer neuer Regenschwaden tief in die Stirn. "Ich hatte aber Angst, dass sich unser Land fürchterlich blamiert vor unseren amerikanischen Gästen. Nachdem ich ein paar Tage Debatten im Internet verfolgt hatte, ahnte ich Schlimmes. So viel Amerikafeindlichkeit und Russland-Freundlichkeit ist mir lange nicht über den Weg gelaufen."

Kratochvil, der zur Feier des Tages eine alte Felddienstuniform aus seiner eigenen Armeezeit angezogen hat, was wegen des Bierbauchansatzes nicht ganz leicht gefallen sein dürfte, ist nicht der einzige, der sich so motivierte, den US-Militärkonvoi zu begrüßen, der sich seit Tagen auf der Rückfahrt von einem Manöver in den baltischen Ländern an seinen Stationierungsort in Vilseck ((Kreis Amberg-Sulzbach) befindet. Glaubte man den wüsten Debatten im Internet, dann musste man tatsächlich Sorgen haben.

Wie Filmstars

Auch den knapp 500 Amerikanern, die mit ihren Kampffahrzeugen über mehrere Trassen Richtung Prag fuhren, schwante vorab nichts Gutes. Deren Führung hatte nach dem freundlichen Empfang in Polen in Tschechien größere Proteste erwartet. Doch Major Mike Weatherholt ist nicht der einzige Offizier, der sich in höchsten Tönen lobend äußert: "Das war fantastisch, großartig und hätte nicht besser sein können." Der Chef der Kolonne, Tim Payment, freute sich: "Eine solche Unterstützung hatten wir nicht erwartet. Die Leute standen teilweise dicht an dicht an den Straßen und haben uns zugewunken." Seine Jungs hätten sich wie Filmstars gefühlt. "Wir mussten immer wieder anhalten, weil die Leute an der Straße sich per Handy mit uns fotografieren wollten." Es sei eine tolle Erfahrung gewesen.

Die Soldaten zeigten sich denn auch dankbar, dass sich ihre Führung entschlossen hatte, nicht wie sonst die Fahrzeuge auf Züge zu laden und zu befördern, sondern einen "Road March" ansetzte. Die US-Army wollte so zeigen, dass sie fähig und bereit sei, die kleinen verbündeten Länder aus dem ehemaligen Ostblock im Ernstfall auch zu verteidigen. "Nur das Wetter ist eine Katastrophe", grinsten die Soldaten immer wieder. "Wir hatten mehrfach auch Graupel- und Hagelschauer und mussten uns in unseren Fahrzeugen verkriechen. Und in denen ist es auch sehr kalt."

In Ruzyne, unweit des Prager Flughafens, wo die Soldaten in einer Kaserne übernachteten und ihre Technik am Dienstag der Öffentlichkeit vorstellten, verspürten vor allem die durch alle Luken und in alle Ecken kriechenden Kinder keinerlei Kälte. Die hochroten Köpfe stammten eher von der Aufregung, der Wissbegier und dem Feuereifer, mit dem sie dabei waren.

Dass der US-Konvoi letztlich so herzlich empfangen wurde, war für den Soziologen und Leiter des Meinungsforschungsinstituts STEM, Jan Hart, keine Überraschung: "Alle unsere Untersuchungen zeigen, dass die klare Mehrheit der Tschechen an der Seite unserer Verbündeten ist", sagte er der Zeitung "Lidove noviny". Die sei von den Debatten im Internet völlig verfälscht worden. "Die tschechische Gesellschaft steht mehrheitlich klar zum Westen. Wirklich prorussisch sind maximal 17 Prozent der Tschechen. Die sind in etwa identisch mit der Wählerklientel der alten Kommunisten."

Die waren freilich auch auf die Straßen gekommen und hielten zudem Kundgebungen ab, auf denen sie gegen die Anwesenheit der Amerikaner protestierten. Wirklich ernst nehmen konnte man ihre Argumente jedoch nicht, etwa das, wonach das Land nun ähnlich besetzt sei wie nach 1968 von den Sowjets. Als solche Parolen auch vor dem Kasernentor in Ruzyne ertönten, wurden die Rufer ausgelacht. Es gab jedoch auch kleinere Handgemenge zwischen Befürwortern und Gegnern des militärischen "Straßenmarsches".

Proteste "peinlich"

Verteidigungsminister Martin Stropnicky hatte die Proteste gegen die Amerikaner "peinlich" genannt und daran erinnert, dass Tschechien der Nato einst freiwillig beigetreten sei. Selbst Präsident Milos Zeman, der sich in der Frage des Ukraine-Krieges häufig zwiespältig äußerte und als einer von ganz wenigen westlichen Staatsoberhäuptern an der Siegesparade in Moskau zum 70. Jahrestag des Kriegsendes teilnehmen will, sprach von "antiamerikanischen Idioten", die er genauso hart verurteile wie "antirussische Idioten" andererseits. Heute werden die US-Soldaten wieder in Vilseck eintreffen, voller interessanter und vor allem positiver Erfahrungen.
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