Partei ringt um Kurs und Kandidaten
Die Linke sucht ihren Weg

Sahra Wagenknecht konnte die Delegierten des Parteitags mitreißen. Sie dürfte im Spitzenteam der Linken zur Bundestagswahl gesetzt sein. Archivbild: dpa

Massive AfD-Konkurrenz, offene Personalfragen und gemischte Gefühle zwischen Protest und Regierungswillen: Die Linke ist in heikler Lage. Schaffen Wagenknecht und Co. die Trendwende?

Berlin/Hannover. Die Linken sind abgerutscht. Wenige Tage vor der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern sind die Umfragewerte bei 13 bis 14 Prozent im Keller, während die AfD mit über 20 Prozent rechnen kann. In Berlin, wo zwei Wochen später gewählt wird, sind die Linken zwar mit rund 17 Prozent stabil. Doch setzt SPD-Regierungschef Michael Müller strikt auf Rot-Grün - ohne ein weiteres Rot. Und ob sich die Linken nächstes Jahr im Bund noch auf einen Regierungskurs an Seiten von SPD und Grünen durchringen können, ist völlig ungeklärt.

Der Burgfrieden der Führungsriege wird zu alledem durch die Frage der Spitzenkandidatur zur Bundestagswahl belastet. Fraktionschefin Sahra Wagenknecht dürfte auf jeden Fall dabei sein. Dass sie beim Parteitag in Magdeburg im Mai eine Torte ins Gesicht bekam und dann mit einer Kampfesrede den Saal als Einzige richtig mitriss, hat ihre Stellung gefestigt. Jüngste interne Kritik an ihren Forderungen nach den islamistischen Anschlägen, auch Gefahrenpotenziale der Flüchtlinge müssten erkannt werden, blieb folgenlos. Wagenknecht schwört die Partei auf Protest und Gradlinigkeit ein - es ist auch eine Bewährungsprobe für die unangefochtene Frontfrau, ob die Linke in den kommenden Monaten wieder mehr nach vorne kommt.

"Die Wähler müssen spüren: Wir sind nicht eine der Parteien, die in der Opposition das Blaue vom Himmel versprechen und dann in einer Regierung das Gegenteil machen", mahnt die 47-Jährige. Konflikte zwischen der Freundin radikaler Zuspitzung und dem durch und durch realpolitischen Co-Fraktionschef Dietmar Bartsch dringen nicht nach außen. Auch die Parteichefs Katja Kipping und Bernd Riexinger stehen für Geschlossenheit der vor wenigen Jahren noch heillos zerstrittenen Linken. Das Prinzip Harmonie haben die Führungsleute heute so verinnerlicht, dass manche führende Fraktionsleute offene Debatten über heikle Fragen vermissen - etwa zur Steuerpolitik. Ein zündendes, gemeinsames Rezept gegen die AfD und für neue Erfolge sucht man vergebens.

Wagenknecht und Bartsch, Wagenknecht und Kipping oder Wagenknecht, Bartsch, Riexinger und Kipping - das sind die in der Partei kolportierten Szenarien, wenn man nach den Spitzenkandidaten zur Bundestagswahl fragt. Als wahrscheinlich gilt, dass Riexinger diesmal auch für den Bundestag antritt - dann könnte es auf die Vierer-Lösung rauslaufen. Acht Spitzenleute wie im Wahlkampf 2013 sollen es nicht wieder werden. Offen ist die Rolle Gregor Gysis. Ein Rückzug oder ein Ehrenposten bei den europäischen Linken wäre eine Überraschung - zumal immer noch Chancen für ein rot-rot-grünes Linksbündnis im Bund bestehen. Das ist Gysis Traumprojekt zur Ablösung von Kanzlerin Merkel.

Wagenknecht lässt aber keine Chance aus, auf die SPD einzuhauen. Und: Führende Grüne könnten es ohnehin offenbar kaum noch erwarten, mit Merkel am Kabinettstisch zu sitzen, ätzt Wagenknecht. So hält die Frau von Ex-SPD- und Ex-Linken-Chef Oskar Lafontaine die Regierungsperspektive ein bisschen offen. Sonst würde sie viele Vertreter des pragmatischen Reformerflügels in ihrer Partei völlig vor den Kopf stoßen.

Herrn Gabriel beschädigt sich selbst und die Wahlchancen der SPD, wenn er jede Woche etwas anderes erzählt.Linken-Fraktionschefin Sahra Wagenknecht
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