Peer Steinbrück zieht sich aus der Politik zurück
Die Kavallerie rückt ein

Rückzug auf Raten. Von Peer Steinbrücks scharfer Zunge war schon seit einiger Zeit wenig zu hören. Nun hat der einstige Kanzlerkandidat der SPD angekündigt, dass er sein Bundestagsmandat aufgeben werde Archivbild: dpa

Berlin. Einen Peer Steinbrück mit Maulkorb kann niemand gebrauchen. "Ich sage, was ich denke, und ich tue, was ich sage", lautete immer sein Motto. Das brachte ihn manches Mal in Bedrängnis spätestens in der Zeit als SPD-Kanzlerkandidat. Jetzt hört Steinbrück, der schon länger öffentlich auf Tauchstation war, ganz auf. Ende September ist im Bundestag Feierabend für den 69 Jahre alten Hanseaten mit dem Wahlkreis in Mettmann bei Düsseldorf. Mit seiner am Freitag verkündeten Entscheidung, das Mandat aufzugeben, bleibt sich Steinbrück treu. Im beginnenden Bundestagswahlkampf würde er mit seiner selbst auferlegten Zurückhaltung der SPD nicht helfen können - "der erforderlichen politischen Zuspitzung nicht gerecht" werden, sagt er. Im Bundestag werden seine unterhaltsamen Reden vielen fehlen.

Sozi im Spagat


Steinbrück und die SPD - das war immer ein schwieriges Verhältnis. In den eigenen Reihen galt der eitle, wortgewandte Spross einer Bankiersfamilie (ein Vorfahr hatte die Deutsche Bank mitgegründet) lange als Vertreter des rechten, wirtschaftsfreundlichen Flügels. Im Wahlkampf 2013 musste Steinbrück, dessen Kandidatur einer Sturzgeburt glich, dann ein eher linkes Programm mit Steuererhöhungen vertreten. Sein Ansehen litt, als er mit hohen Rednerhonoraren in die Schlagzeilen geriet. Es folgten unglückliche, teils aufgebauschte Äußerungen, etwa zur Höhe des Kanzlergehalts. Als er damals einen Patzer seines Teams erklären musste, antwortete Steinbrück mit dem mittlerweile legendären Spruch: "Hätte, hätte - Fahrradkette!" Steinbrück litt in dieser Zeit, brechen ließ er sich davon nicht. Als Antwort auf die Frage, was er von Medien-Wortschöpfungen wie "Pannen-Peer, Problem-Peer und Peerlusconi" halte, zeigte er im "SZ-Magazin" den Stinkefinger. Dicke Hose war eben sein Markenzeichen - dabei gewann er keine einzige Wahl. 2002 wurde er als Nachfolger Wolfgang Clements NRW-Ministerpräsident, verlor drei Jahre später gegen Jürgen Rüttgers (CDU).

Als Bundesfinanzminister war er in seinem Element. Gemeinsam mit der Kanzlerin trat er nach der Lehmann-Brothers-Pleite 2008 vor die Öffentlichkeit und verkündete eine staatliche Garantie für die Spareinlagen der besorgten Bürger. Klare Kante gab es von ihm auch beim Kampf gegen Steueroasen, inklusive rüder Attacken gegen Länder wie die Schweiz: "Die Kavallerie in Fort Yuma muss nicht immer ausreiten, manchmal reicht es, wenn die Indianer wissen, dass sie da ist", was bei den Eidgenossen gar nicht gut ankam.

In der Schmidt-Rolle?


Die politische Karriere des Volkswirts begann in verschiedenen Ministerien und im Bundeskanzleramt zu Zeiten von SPD-Kanzler Helmut Schmidt. So schließt sich mit Steinbrücks Rückzug auch dieser Kreis. Denn nach dem Tod des legendären Sozialdemokraten im vergangenen November klemmte sich Steinbrück wie kein Zweiter dahinter, dass es eine Bundesstiftung-Helmut-Schmidt geben wird. Sie startet Anfang 2017, ausgestattet mit um die zwei Millionen Euro vom Bund. Anders als "Schmidt-Schnauze", der Menthol-Zigaretten Kette rauchte, zieht "Klartext-Peer" gern an Zigarillos. Hin und wieder dürfte er in Zukunft wie der Lotse aus dem blauen Dunst heraus seiner Partei unbequeme Ratschläge erteilen: "Wann immer sie das wünscht."
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