Politiker, aber auch Geistliche fordern von Muslimen klare Abgrenzung vom Extremismus
Welcher Islam gehört zu Deutschland?

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) betonte am Donnerstag, Religionsfreiheit bedeute nicht, "dass die Scharia im Zweifelsfall über dem Grundgesetz steht". Bild: dpa
Die Solidaritätsbekundungen mit den Muslimen in Deutschland durch die Spitzen von Staat, Gesellschaft und Religionsgemeinschaften in den vergangenen Tagen waren unmissverständlich. Das galt auch für die Regierungserklärung von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zu den Terroranschlägen von Frankreich und die Beiträge der Redner anderer Fraktionen am Donnerstag im Bundestag. Merkel bekräftigte die Worte von Altbundespräsident Christian Wulff: Auch der Islam gehöre mittlerweile zu Deutschland. Allerdings machte sie auch deutlich, dass die Muslime gefordert seien zu klären, welcher Islam gemeint sei.

Kein Generalverdacht

Dabei ging es der Kanzlerin nicht um Schuldzuweisungen. Im Gegenteil, sie nahm die vier Millionen Muslime in Deutschland gegen Pauschalverurteilungen in Schutz: "Jede Ausgrenzung von Muslimen in Deutschland, jeder Generalverdacht verbietet sich." Die allermeisten Muslime in Deutschland seien rechtschaffen und verfassungstreu. Und Merkel würdigte die Verurteilung von Gewalt und Terror durch die muslimischen Verbände. Allerdings müsse beantwortet werden, wie Mörder, die sich für ihre Taten auf den Islam beriefen, nichts mit dem Islam zu tun haben sollten: "Das sind berechtigte Fragen. Ich halte eine Klärung dieser Fragen durch die Geistlichkeit des Islams für wichtig. Und ich halte sie für dringlich!" Zu Beginn der Sitzung hatte bereits Bundestagpräsident Norbert Lammert (CDU) den Finger in die Wunde gelegt. Die "gut gemeinte Erklärung", man dürfe den Islam nicht mit dem Islamismus verwechseln, der religiös begründete Terrorismus habe mit dem Islam nichts zu tun, reiche nicht. Diese Aussage sei ebenso unwahr wie die Behauptung, die Kreuzzüge, Inquisition oder Hexenverbrennungen hätten nichts mit dem Christentum zu tun.

Verfolgung in Allahs Namen

Jeder um Aufklärung bemühte Muslim müsse sich mit der Frage auseinandersetzen, warum noch immer im Namen Allahs Menschen verfolgt und getötet würden, sagte Lammert. Auch mit staatlicher Autorität werde im Namen Gottes "gegen Mindeststandards der Menschlichkeit verstoßen", so Lammert. Saudi-Arabien habe das Attentat in Paris als "feigen Terrorakt" verurteilt, und zwei Tage später lasse das Land den Blogger Raif Badawi in Dschidda öffentlich auspeitschen.

Der Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide forderte diese Woche "einen innerislamischen theologischen Diskurs" zu führen. Wie groß die Herausforderung ist, weiß der von Konservativen als zu liberal angefeindete Theologe aus eigener Erfahrung. Dennoch zeigt er sich hoffnungsvoll. "Es muss sich einfach etwas verändern, wir müssen die aufgeklärten Positionen stärker unterstützen", meinte er. "Vielleicht rütteln nun diese schrecklichen Ereignisse in Paris hierzulande einen humanistischen Islam wach."

Ein eindrucksvolles Zeichen für einen solchen Islam war die Mahnwache vor dem Brandenburger Tor am Dienstagabend. Daran ließ keiner der Redner einen Zweifel. Der Vizepräsident des Zentralrats der Juden, Abraham Lehrer, wies auf die hohe Verantwortung muslimischer Verbände beim Kampf gegen eine Radikalisierung des Islam hin. Lehrer machte zugleich deutlich: "Um erfolgreich zu sein, brauchen sie unsere Unterstützung." Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime, Aiman Mazyek, versprach: "Wir werden nicht zulassen, dass unser Glaube missbraucht wird."
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