Prags erste Stadt-Mutter

Adriana Krnácová trägt die Kette der Prager Oberbürgermeisterin. Als Primatorin will sie das Image der Stadt umkrempeln. Vor allem die Korruption will sie bekämpfen. Darin hat Krnácová Erfahrung. Sie war jahrelang für Transparency International in Tschechien tätig. Bild: Ano

Adriana Krnácová eroberte Tschechiens Hauptstadt. Sie hat viele Machos gegen sich. Und noch viel vor. Laster wie Prostitution oder Glücksspiel sollen an der Moldau weichen. Auch der Korruption hat sie den Kampf angesagt.

Nein, einen neuen Fenstersturz hat Prag Mitte vergangener Woche nicht erlebt - aber eine Art Revolution. Zwar war es der Sage nach mit Libuse eine Fürstin, die die Entstehung Prags vom Berg Vysehrad aus prophezeit hatte. Doch die Geschicke der Moldaustadt wurden nach der Wahl des ersten Bürgermeisters im Jahr 1537 nur immer von Männern gelenkt. Jetzt hat Prag erstmals eine Frau als Primator, wie der Stadtvater in tschechischen Großstädten heißt.

Adriana Krnácová ist eine Männerdomäne eingedrungen, was den Herren der Schöpfung, die in Tschechien gern den Macho raushängen lassen, gegen den Strich geht. Die 54-jährige, die Sprachen und Kunstwissenschaften in der Heimat und später auch in den USA studiert hat, wurde im Wahlkampf immer mal von der Seite angemacht. Doch die brünette Brillenträgerin, ohnehin eher schweigsam, ließ sich nie provozieren. Die Vorwürfe richteten sich gegen sie als Frau, die ohne den Rest der Welt zu fragen, einfach Karriere mache. Sie sei keine von hier, hieß es weiter, nicht nur nicht aus Prag, sondern nicht mal eine ordentliche Tschechin. Krnácová stammt aus Bratislava, ist gebürtige Slowakin. Sie hat aber seit Jahren die tschechische Staatsbürgerschaft und spricht akzentfrei Tschechisch.

"Lächelnde Stadt"

In ihrer Familie sprach man zudem Deutsch und Ungarisch, was im ehemaligen Multi-Kulti-Pressburg normal war. Die Sprachen hat sie bis heute ebenso flüssig drauf wie auch noch Englisch, Russisch und Italienisch. Dass sie geschieden sei und allein einfach so drei Kinder groß gezogen habe, war der albernste Vorwurf: In Tschechien wird jede zweite Ehe geschieden. Da so viel über die neue Primatorin vorab getratscht wurde, lehnte sie es ab, sich am Wahlabend noch lang und breit dem Stadtrat vorzustellen. "Sie kennen mich doch eh'", sagte sie. "Das hält alles nur auf. Ich sage aber gern nach der Wahl etwas." Da fasste sie dann noch einmal zusammen, was sie sich vorgenommen hat: "Ich will binnen vier Jahren aus Prag eine prosperierende, offene, lächelnde und sichere Stadt machen, ohne Prostitution, ohne Spielcasinos und ohne Korruption." Der Angriff namentlich auf die Korruption ist ernst zu nehmen. Davon versteht die auch in Wirtschaftsfragen sattelfeste Krnácová etwas: sechs Jahre arbeitete sie führend in der tschechischen Abteilung von Transparency International, deckte mehrere Skandale auf. Das macht einigen der langgedienten Stadtoberen erhebliche Sorge, weil sie nicht sauber sind. In Prag wird mehr Geld verteilt als in jedem durchschnittlichen Ministerium. Vieles davon verschwand bislang in privaten Taschen.

Die Bürger gewinnen

Auf den Erfolg von Krnácová baut ihr Parteichef aus der Protestbewegung Ano, der Milliardär und Vizepremier Andrej Babis. Der will demnächst Premier und später womöglich Präsident werden. Bislang wirkt Ano in Regierung und Parlament. Punkte macht man aber im Kommunalen, da, wo die Leute leben. Dort gab es Ano bis zu den Wahlen noch nicht.

Verbilligte Jahrestickets für die öffentlichen Verkehrsmittel und die Abrechnung mit alten Strukturen werden nicht reichen, um die Prager zu überzeugen. Dazu braucht es Visionen für die "Stadt von morgen". Sollte die neue Primatorin mit denen erfolgreich sein, dann könnte ihr neuer Sessel womöglich zum Sprungbrett für Höheres werden.
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