Prozesse nach der Kölner Silvesternacht
Mehr als ein geklautes Handy

Zwei Angeklagte halten sich vor dem Amtsgericht Köln Ordner vor das Gesicht. Am Mittwoch fanden die ersten Prozesse im Zusammenhang mit der Kölner Silvesternacht statt. Die Angeklagten standen überwiegend wegen Diebstahls vor Gericht. Bild: dpa

Eigentlich geht es an diesem Tag im Kölner Amtsgericht nur um Diebstahl. Ein junger Mann hat ein Handy geklaut. Und doch geht es um mehr: Denn die Tat ereignete sich in der Silvesternacht.

Köln. Persönliche Schlusserklärungen des Richters sind eigentlich nicht üblich, vor allem wenn es um einen so alltäglichen Tatvorwurf wie Diebstahl geht. Doch diesmal kann sich Richter Amand Scholl nicht zurückhalten. Einmal, so erzählt er, im Urlaub in Washington, habe ihm ein Amerikaner gesagt, Köln sei die schönste Station seiner Europareise gewesen. "Heute wird immer nur noch gefragt: ,Was ist in Köln los?'" Auch darum, so sagt er, sei es in dieser Verhandlung gegangen. Es ist kein ganz normales Diebstahlsverfahren, das da am Mittwoch vor dem Amtsgericht Köln abläuft. Das merkt man schon an den ungefähr 60 Journalisten samt ausländischer Kamerateams. Es geht um das erste Verfahren zur Kölner Silvesternacht.

Angeklagt ist ein 23 Jahre alter marokkanischen Asylbewerber. Vor einem Jahr, so sagt er aus, sei er nach Deutschland gekommen. Der junge Mann ist geständig. Er gibt zu, dass er in einer Socke 0,1 Gramm Amphetamin hatte. Und er gibt zu, dass er einer jungen Frau ihr Handy aus der Hand gerissen hat. Diese Frau, 20 Jahre alt, sagt als Zeugin aus. Sie kommt aus Baden-Württemberg und war nach Köln gekommen, um dort mit Freundinnen Silvester zu feiern. Als sie abends im Hauptbahnhof ankamen, fielen ihnen gleich die "vielen ausländischen Männer" auf. Auf dem Weg nach draußen spürte die 20-Jährige, wie ihr im Gedränge jemand an den Po fasste. Kaum war sie auf den Bahnhofsvorplatz getreten und hatte ihr Handy gezückt, um den Dom zu fotografieren, als es ihr von hinten aus der Hand gerissen wurde. Wer es gewesen war, konnte sie nicht sehen. In dieser Situation kam ihr ein Mann zu Hilfe - ein Mann von ausländischem Aussehen. "Das ist der Dieb!", rief er und zeigte auf den Täter. Im Gerichtssaal steht die junge Frau dem Hinweisgeber nun wieder kurz gegenüber, lächelt ihn an und gibt ihm die Hand. Sie erfährt auch, mit wem sie es zu tun hat: 30 Jahre ist er alt, Baggerführer, seit vier Jahren in Deutschland. Er stammt aus Afghanistan. Ein Flüchtling. Den Dieb verfolgte die junge Frau quer über den Bahnhofsvorplatz. Als jemand ihm ein Bein stellte und er daraufhin stürzte, war sie sofort bei ihm. Dann sei auch die Polizei zur Stelle gewesen, sagt sie aus. Der Angeklagte ist aufgestanden, um etwas zu sagen. Ein Dolmetscher übersetzt es mit: "Es tut mir leid. Entschuldigung."

In der Silvesternacht sei etwas Beispielloses geschehen, sagt Staatsanwältin Monika Volkhausen Der vom Angeklagten begangene Diebstahl sei "ein Mosaikstein im Gesamtgeschehen". Sie fordert sechs Monate auf Bewährung und eine Geldstrafe von 30 Tagessätzen. Verteidiger Florian Storz hat dafür kein Verständnis. "Hier ist die ganze Zeit so verhandelt worden, als ob mein Mandant für die ganze Silvesternacht verantwortlich zu machen ist." Die Forderung des Anwalts: eine Geldstrafe von 90 Tagessätzen.

Richter Scholl verkündet sein Urteil unverzüglich: sechs Monate auf Bewährung und 20 Tagessätze, das sind in diesem Fall 100 Euro. Eine Stunde später sind schon die nächsten Angeklagten aus der Silvesternacht dran. Ein 22 Jahre alter Tunesier wird von einer Richterin wegen Diebstahls einer Kamera zu drei Monaten auf Bewährung verurteilt. Auch für seinen 18 Jahre alten Komplizen aus Marokko gibt es einen Schuldspruch, eine Bewährungsstrafe nach Jugendstrafrecht. Anders als Scholl sieht Richterin Julia Roß keinen direkten Bezug zu den Ereignissen am Hauptbahnhof. "Es ist und bleibt ein einfacher Diebstahl." Dass die Tat in der Silvesternacht begangen worden sei, dürfe vor Gericht keine Rolle spielen. (Kommentar)
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