Psychologe Jens Hoffmann über den "hysterischen Zug" der Deutschen
Gibt es die "German Angst"?

Psychologe Jens Hoffmann. Bild: dpa

Deutschland ist nicht gerade das Land der Optimisten, zeigt eine neue Studie. Die typische «German Angst» sei zurück. Wenn jemand wegen der Terroranschläge aber mal den Weihnachtsmarkt meide, sei das noch lange nicht problematisch, meint der Psychologe Jens Hoffmann.

Die Mehrheit der Deutschen blickt nach einer neuen Umfrage eher mit Angst als Zuversicht auf das kommende Jahr, zeigt eine Studie des Meinungsforschungsinstitut GfK im Auftrag der Hamburger BAT-Stiftung. Im Interview spricht der Psychologe Jens Hoffmann über den Umgang mit der Angst und den «hysterischen Zug» der Deutschen.

Forscher sprechen von der Rückkehr der «German Angst». Sind die Menschen in Deutschland eigentlich pessimistischer als andere?

Jens Hoffmann: Es gibt schon nationale Unterschiede. Wir Deutschen fühlen uns gut, wenn wir den Überblick haben, wir sind Perfektionisten. Was wir nicht aufschlüsseln können, macht uns Angst. Wir entwickeln dann einen leicht hysterischen Zug: Einzelne schlimme Vorfälle werden übersteigert dargestellt. Das sieht man auch im Umgang mit dem Terror.

In der Studie gab es bei der Frage nach der Zukunft zwei Auswahlmöglichkeiten: «Ich blicke angstvoll in die Zukunft» oder «Ich blicke mit Zuversicht in die Zukunft»...

Hoffmann: ...also entweder schwarz oder weiß. Dazwischen gibt es aber eine große Spannbreite von Gefühlen. Wir müssen die Kirche auch mal im Dorf lassen: Solche Befragungen sind Momentaufnahmen. Die Menschen stehen noch sehr unter dem Eindruck der Attentate von Paris.

Die Wirtschaft läuft, die Arbeitslosenzahl ist niedrig: Eigentlich geht es den Deutschen ja sehr gut. Warum hilft das Wissen darüber trotzdem vielen Menschen nicht?

Hoffmann: Die Beunruhigung ist gerade durchaus nachvollziehbar. Auch die Flüchtlingskrise spielt eine Rolle. Wie viele Menschen kommen zu uns, wie gehen wir damit um? Die Unsicherheit würde weniger werden, wenn es einen klaren Plan gäbe oder offen darüber diskutiert würde, in welche Richtung wir uns bewegen. Solange aber das Gefühl vorherrscht, Deutschland befinde sich im Blindflug, bleibt die Angst. Und Angst kann wütend machen.

Angst kann in bestimmten Situationen aber auch sinnvoll sein.

Hoffmann: Angst ist eine wunderbare Sache, man muss sie akzeptieren. Und wer einmal den Weihnachtsmarkt meidet, weil er sich wegen der Terroranschläge von Paris unwohl fühlt, tut nichts Schlimmes. Wenn er aber systematisch öffentliche Plätze meidet, wird es problematisch. Die Angst wird noch eine Weile bleiben, aber der Mensch kehrt auch immer schnell in seine normalen Strukturen zurück. Eine politische Diskussion mit realistischen Aussagen über die Situation in Deutschland könnte uns dabei helfen.

Zur Person: Jens Hoffmann ist Psychologe und Leiter des Instituts für Psychologie und Bedrohungsmanagement in Darmstadt. Er und sein Team beraten Unternehmen, Behörden und Personen des öffentlichen Lebens an der Schnittstelle zwischen Psychologie und Sicherheit.
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