Radovan Karadzic in Den Haag verurteilt
40 Jahre Haft für Verbrechen im Bosnien-Krieg

Tag des Urteils: Mehr als 20 Jahre nach Kriegsende ist Radovan Karadzic wegen Kriegsverbrechen im bosnischen Bürgerkrieg verurteilt worden. Bild: dpa

Den Haag. Knapp 21 Jahre nach dem Völkermord von Srebrenica im Osten von Bosnien-Herzegowina ist der politisch Hauptverantwortliche, Ex-Serbenführer Radovan Karadzic, zu 40 Jahren Gefängnis verurteilt worden. Der 70-Jährige sei schuld an tausendfachem Mord, urteilte das UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag am Donnerstag. Das Urteil wurde international begrüßt, in Serbien jedoch mit gemischten Reaktionen aufgenommen. Die Rechtsberater Karadzics kündigten an, in Berufung zu gehen.

Karadzic ist nach Ansicht des Gerichts einer der Hauptschuldigen des Massakers in der damaligen UN-Schutzzone. Serbische Einheiten hatten im Juli 1995 Srebrenica überrannt und danach etwa 8000 muslimische Männer und Jungen abgeführt und ermordet. Der Angeklagte sei "verantwortlich für den Genozid", erklärte das Gericht. Als ehemaliger Präsident der bosnischen Serben ist er auch der ranghöchste Politiker, der jemals wegen des Völkermordes in Srebrenica schuldig gesprochen wurde. Die Richter verurteilten den ehemaligen Psychiater auch für schwere Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit, darunter Mord, Ausrottung, Deportationen, Terror und Vertreibung. Opfer waren bosnische Muslime und Kroaten. "Er verfolgte gemeinsam mit anderen den Plan, alle Nicht-Serben dauerhaft von bosnischem Gebiet zu vertreiben", erklärte der Vorsitzende Richter O-Gon Kwon.

Der Bosnien-Krieg in den 1990er Jahren kostete mehr als 100 000 Menschen das Leben. Allein bei der mehr als 44 Monate dauernden Belagerung von Sarajevo wurden mindestens 10 000 Menschen getötet. Die Richter sprachen Karadzic allerdings vom Anklagepunkt des Völkermordes in sieben bosnischen Kommunen frei. Die dort von serbischen Einheiten begangenen Verbrechen waren nach Ansicht der Richter kein Völkermord. Doch erklärten sie: "Der Angeklagte ist individuell strafrechtlich verantwortlich für Ausrottung, Mord und Terror der Zivilbevölkerung." Mehrere Dutzend Opfer des Krieges hatten vor dem Gericht eine Mahnwache gehalten. Sie waren enttäuscht, dass Karadzic keine lebenslange Haftstrafe bekam. Auch in Serbien und Bosnien verfolgten viele Menschen die Fernsehübertragung des Urteils. Karadzics frühere bosnisch-serbische Partei SDS kritisierte das Urteil. Er hoffe, dass im Berufungsprozess "das Unrecht korrigiert wird", sagte ihr Vorsitzender Mladen Bosic in Sarajevo. Die serbische Regierung hielt sich mit Kritik zurück. Es bleibe "ein bitterer Beigeschmack", sagte Justizminister Nikola Selakovic am Freitag in Belgrad nach einer Sondersitzung. "Wir werden niemandem erlauben, das Urteil als Grund zu nutzen, um auf unsere Landsleute mit dem Finger zu zeigen."

Srebrenica: Aufarbeitung läuft weiterDas UN-Kriegsverbrechertribunal für das frühere Jugoslawien hat bislang Anklage gegen 20 Männer für die Verbrechen in Srebrenica erhoben. Bisher wurden 15 Angeklagte für schuldig befunden. Es gab einen Freispruch. Ein Angeklagter starb während des Prozesses, einige Verfahren sind noch nicht abgeschlossen. Mehr als 1000 Zeugen sagten in den Verfahren aus. Drei Männer wurden bislang zu lebenslanger Haft verurteilt. Elf ehemalige bosnisch-serbische Offiziere wurden wegen Beihilfe zu der Blutat zu Haftstrafen bis zu 35 Jahren verurteilt. Das Urteil gegen den ehemaligen Armeechef, General Ratko Mladic, unter dessen Kommando serbische Einheiten die Enklave überrannt hatten, wird im kommenden Jahr erwartet. (dpa)
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