Regime der Todesangst

Verteidigungsminister Hyon Yong Chol wurde offenbar hingerichtet.

Die Menschen im Umfeld des nordkoreanischen Diktators Kim Jong Un leben gefährlich. Nicht nur ranghohe Funktionäre, sogar Mitglieder der Familie des nordkoreanischen Machthabers können sich ihres Lebens nicht sicher sein.

Als Kim vor etwa anderthalb Jahren seinen Onkel Jang Song Thaek wegen angeblichen Hochverrats hinrichten ließ, warf ihm die Regierung im benachbarten Südkorea eine "Schreckensherrschaft" vor. Daran hat sich aus der Sicht Seouls nichts geändert. In neuen Berichten über die Hinrichtung des nordkoreanischen Verteidigungsministers Hyon Yong Chol wegen angeblichen Ungehorsams sieht man einen weiteren Beleg für die Absicht Kims, eine Atmosphäre der Angst zu schaffen.

Für Kommentatoren in Südkorea war die mutmaßliche Exekution des 66-jährigen Hyon eine Überraschung. Am 29. April wurde er noch in den Staatsmedien erwähnt. Um den 30. April soll er dann vor Hunderten von Zuschauern hingerichtet worden sein, teilte Südkoreas Geheimdienst NIS vor Abgeordneten in Seoul mit - auf Befehl des Machthabers und ohne vorheriges Verfahren. Ein Exekutionskommando in Pjöngjang habe dabei eine großkalibrige Flugabwehrwaffe benutzt.

Mit Kanone erschossen

"Die Informationen klingen glaubwürdig", sagt der Forscher des Korea-Instituts für Nationale Vereinigung in Seoul, Park Hyeong Jung. Der NIS würde sich nur lächerlich machen, wenn die Angaben nicht stimmen sollten. Auf welche Quellen sich die Geheimdienstler stützen, war unklar. Auch eine Bestätigung von Nordkorea gab es nicht. Vieles, was über Kim berichtet wird, erwies sich im Nachhinein als Spekulation.

Auch, dass Hyon mit einer Flug- abwehrwaffe getötet worden sei, wird als Beleg für die zunehmende Brutalität des Regimes gesehen. Nach Angaben des in den USA angesiedelten Komitees für Menschenrechte in Nordkorea (HRNK) sei auf Satellitenbildern zu erkennen, dass eine Exekution im vergangenen Oktober in Nordkorea auf die gleiche Weise ausgeführt wurde. Dabei soll ein Flugabwehrmaschinengewehr mit eine Reichweite von 8000 Metern auf die Zielperson (oder mehrere Zielpersonen) aus nur 30 Meter Entfernung gerichtet worden sein.

Der US-Sender CNN berichtete diese Woche, Kim habe seine ebenfalls in Ungnade gefallene Tante Kim Hyung Hui vor einem Jahr vergiften lassen. Der NIS verwarf diese Berichte als grundlos. Als herkömmliche Hinrichtungsarten in Nordkorea galten bislang Tötung durch ein Erschießungskommando und Tod durch den Strang. Ein Anstieg der Exekutionen unter Kim Jong Un wird in Seoul als Teil der Pläne des Machthabers interpretiert, seine wacklige Autorität zu stärken. Nach Angaben des NIS wurden seit Beginn seiner Herrschaft vor mehr als drei Jahren etwa 70 rang-hohe Funktionäre hingerichtet. Noch sehen Experten wie Park den recht jungen Diktator einigermaßen fest im Sattel. "Doch die Beziehung zu seinen Helfern ist nicht gut." Belege seien dafür etwa die häufigen Beförderungen und Degradierungen hochrangiger Mitarbeiter. Keiner wage, ihm zu widersprechen. Doch genau das soll der Verteidigungsminister laut NIS jetzt versucht haben. Seine angebliche Respektlosigkeit soll ihn das Leben gekostet haben.

"Kim Jong Uns Ziel sind hohe Funktionäre", sagt Park. Niemand in seiner Nähe dürfe sich sicher fühlen. Die politischen Säuberungswellen würden sich fortsetzen, glaubt er.
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