Rote Kerzen, Rote Karten

Erwartungsfroh zeigt sich Prag am Morgen des 17. November. Hunderte ziehen schon zeitig zur Nationalstraße. Zu einem schmalen Häuserdurchgang, wo sie unter einer Gedenktafel Blumen niederlegen und Kerzen anzünden.

Es ist jene Stelle, an der vor genau 25 Jahren kommunistische Polizei und Staatssicherheit eine Studentendemonstration brutal zusammengeknüppelt haben. Jene Demonstration, die eigentlich von den Nationalsozialisten ermordeten Studenten galt und dann umschwenkte in eine Demo gegen das Regime. Diese Demonstration läutete das Ende der kommunistischen Herrschaft in der Tschechoslowakei ein.

Viele derjenigen, die ihre Kerzen angezündet haben, versammeln sich danach an der Ecke der Nationalstraße, wo das einst kommunistische Vorzeige-Kaufhaus "Mai" auch an diesem Feiertag geöffnet hat. Um 11 Uhr fängt die Menge an zu murren. Pfiffe ertönen. Dicht gedrängt stehen mittlerweile ein paar tausend Menschen dort, halten eine Rote Karte in der Hand und warten auf das vereinbarte Zeichen mit der Trillerpfeife.

Der Organisator bittet um zehn Minuten Geduld. Das Fernsehen sendet zur vollen Stunde die Nachrichten und die Aktion soll anschließend live über die Bildschirme gehen. 10 nach 11 recken sich dann tausende Arme in Luft, schwenken die Roten Karten. Bestimmt sind sie für den jetzigen tschechischen Präsidenten Milos Zeman.

Die Leute, die sich über eine Facebook-Aktion an diesem Montag in der Nationalstraße versammelt haben, sind gefrustet von ihrem Staatsoberhaupt. Mal äußert er sich im Radio vulgär wie in einer Kneipe der untersten Preisklasse. Vor Tagen lobte er in China das dortige Regime, wollte da angeblich lernen, wie man wirtschaftlichen Aufschwung und Demokratie hinbekommt.

"Eine Schande"

Am Vorabend des 17. November spielte er den brutalen Einsatz von Polizei und Stasi gegen die Studenten vor 25 Jahren herunter. So schlimm sei das alles nicht gewesen. Da musste selbst Premier Bohuslav Sobotka in einer Fernsehdebatte mit seinem slowakischen Kollegen Robert Fico energisch widersprechen. "Es reicht langsam", sagt eine junge Mutter in der Menge, die ihren Sprössling auf der Schulter trägt. "Dieser Präsident, der nie der meine war, ist eine Schande." Viele denken wie sie. Und sie vergleichen. Der, denen ihre Achtung bis heute gehört, kann den 25. Jahrestag der "Samtrevolution" leider nicht mehr mitfeiern: Václav Havel.

Am Montag wurde protestiert und trotzdem gefeiert. Auch die Präsidenten aus Mittel-Osteuropa, darunter Joachim Gauck, wurden Zeugen eines massiven Protests gegen das tschechische Staatsoberhaupt Milos Zeman, der mit einem gellenden Pfeifkonzert und Sprechchören, die ihn zum Rücktritt aufforderten, an dem Platz empfangen wurde, an dem vor 25 Jahren die Studentendemonstration begonnen hatte. Zeman konnte kaum seine Rede zu Ende führen. Die ausländischen Redner, unter ihnen Gauck, wurden dagegen bejubelt.

Am Abend sollte in Sichtweite des Havel-Fotos bei einem Konzert mit Protagonisten von 1989 der Wenzelsplatz "gerockt" werden. Havel, der nicht nur Lou Reed liebte, sondern auch Frank Zappa und die Stones, hätte seine helle Freude an diesem Ausdruck der Freiheit gehabt. Aber virtuell war er ja doch auch irgendwie dabei.
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