Sahra Wagenknecht und Dietmar Bartsch sollen die Linke einen, doch keiner weiß, ob das gutgehen ...
Zwischen den Flügeln liegt "Mittelerde"

Die Würfel sind gefallen: Künftig soll die Bundestagsfraktion von einer Doppelspitze aus der Parteilinken Sahra Wagenknecht und dem Reformer Dietmar Bartsch geführt werden. Bild: dpa
Jetzt also doch: Sahra Wagenknecht soll künftig zusammen mit Dietmar Bartsch die Fraktion der Linken im Bundestag führen. Noch vor drei Monaten hatte die Wortführerin des linken Parteiflügels ihren Verzicht auf eine Kandidatur erklärt. Der Grund dafür war eine bittere Abstimmungsniederlage der Finanzexpertin in der Fraktion bei ihrem wichtigsten Thema: der Schuldenkrise in Griechenland.

"Ich bin überzeugt, dass ich politisch letztlich mehr bewege, wenn ich mich auf das konzentriere, was ich am besten kann", begründete Wagenknecht ihren Rückzieher. Das wurde damals weithin so interpretiert, dass sie sich die Führung der in mehrere Lager gespaltenen Linksfraktion nicht zutraut.

Rücktritt vom Rückzug

Der vor einer Woche angekündigte Rückzug von Linksfraktionschef Gregor Gysi schmiss alle Selbstzweifel kurzerhand wieder über den Haufen. Zum Duo Wagenknecht und Bartsch gibt es jetzt kaum noch eine Alternative. Nur ihnen wird zugetraut, das Machtvakuum nach dem Abgang Gysis am 13. Oktober einigermaßen füllen zu können. An diesem Tag soll die Wahl in der Fraktion stattfinden.

Gysi selbst hat nach der Bundestagswahl vor fast zwei Jahren angefangen, die beiden als seine Nachfolger aufzubauen. Beide erhielten herausgehobene Stellvertreterposten. Bei den eigentlich dem Fraktionschef vorbehaltenen Pressegesprächen in den Sitzungswochen des Bundestags wechselten sich die drei fortan ab.

Gysi vertrat die Auffassung, dass es nur zwei Möglichkeiten gibt, die zerstrittene Fraktion in den Griff zu bekommen. Entweder es macht ein Integrator aus der Mitte. Da gibt es nur einen: Gysi selbst. Oder es machen die Anführer der Flügel: Das sind Wagenknecht vom linken Flügel und Bartsch, der gemäßigte Reformer. Das Führungskonzept Gysis klingt erst einmal plausibel. Vom Typ her ergänzen sich Wagenknecht und Bartsch gut. Die 45-jährige gilt als brillante Rednerin und beliebter Talkshow-Gast. Bei der Außendarstellung der Linken kann sie Gysi durchaus das Wasser reichen.

Bartsch dagegen ist ein rhetorisch und inhaltlich vergleichsweise blasser Stratege, der Partei und Fraktion aber kennt wie kaum ein anderer. Für den Aufstieg an die Spitze haben die beiden persönliche Konflikte beiseitegelegt. Inzwischen würden sie sich ganz gut verstehen, heißt es von beiden Seiten.

Trotzdem hat Gysis Konzept der Flügelführung einige Haken. Inzwischen gibt es in der Linken nämlich nicht nur die beiden Flügel, sondern auch noch eine dritte Fraktion dazwischen. Sie wird "Mittelerde" genannt und von Parteichefin Katja Kipping angeführt. Ihr wird nachgesagt, dass sie statt Wagenknecht und Bartsch lieber Jan van Aken und Martina Renner als Fraktionsspitze installiert hätte.

Bartsch und Wagenknecht müssen nun also gleich drei Lager in der Fraktion auf einen gemeinsamen politischen Kompromissweg bringen. Die Gegensätze sind gewaltig. Teile des linken Flügels setzen auf Fundamentalopposition. Die gemäßigten Reformer streben dagegen offensiv eine rot-rot-grüne Regierung an.

Rot-Rot-Grün umstritten

Dafür sind sie auch bereit bei der zentralen Frage einer Regierungsbeteiligung Kompromisse einzugehen und Auslandseinsätze der Bundeswehr nicht mehr pauschal abzulehnen. Für die Pazifisten des linken Flügels - aber auch für einige "Mittelerdler" - geht das gar nicht.

Vieles spricht dafür, dass die schwierigsten Streitfragen aus taktischen Gründen bis zur Bundestagswahl ausgeklammert werden. Ob Wagenknecht und Bartsch die Fraktion zusammenhalten können, wird sich wohl erst zeigen, wenn es bei einer rot-rot-grünen Mehrheit nach der Bundestagswahl ganz konkret um eine Regierungsbeteiligung geht.
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