Schüsse in den Rücken: Boris Nemzow, unerschrockener Gegner von Präsident Putin, ist tot
Mord in Sichtweite des Kremls

Auf der großen Moskwa-Brücke endete das Leben des ehemaligen Vize-Regierungschefs Boris Nemzow. Der Putin-Gegner wurde von hinten erschossen. Bild: dpa
Als brutal und hässlich verurteilt Kremlchef Wladimir Putin den Mord an seinem Erzfeind Boris Nemzow. Die Bluttat in Sichtweite des Kreml sei eine "Provokation", meint Putin. Auf der Großen Moskwa-Brücke stirbt der charismatische Oppositionsführer am späten Freitagabend - durch vier Schüsse in den Rücken. Alle tödlich. Selbst im Machtapparat nennen das viele feige, hinterhältig - und durch nichts zu rechtfertigen. Russland steht unter Schock.

Zahlreiche Moskauer Bürger denken im ersten Augenblick des Schocks vor allem an einen: den Ex-KGB-Offizier, den früheren Chef des Inlandsgeheimdienstes, den heutigen Präsidenten - an Putin. Die Schuldfrage, so heißt es in vielen Kommentaren fast übereinstimmend, wird wie bei ähnlichen Morden nie geklärt werden. Doch so deutlich wie nie beklagen Beobachter, dass das Putin mit seiner Politik zu verantworten habe. Es ist eine Politik der Einschüchterung und des Drucks sowie der durch Staatsmedien befeuerten Hetzjagd auf Andersdenkende.

Wie auf Kommando stellen die Staatsmedien auf Trauer um, als die Nachricht von Nemzows Tod um die Welt geht. Es sind dieselben Medien, die seit langem Schmutzkampagnen bringen - nicht nur gegen den 55-jährigen Nemzow, sondern gegen jeden, der Putin kritisiert. "Der Mord an Nemzow kann vielen im Machtapparat nützen", erklärt der Kommentator Alexander Minkin von der Boulevardzeitung "MK". Er vergleicht die Lage mit Zeiten unter Sowjetdiktator Josef Stalin. Wichtig für den Kreml sei allein, die Repressionen zu verschärfen. Für die ohnehin gespaltene russische Opposition ist Nemzows Tod ein enormer Rückschlag. Keiner unter denen, die die Zukunft mitgestalten könnten, ist so erfahren und wortgewaltig wie er. Doch auch der Mann aus Sotschi vermochte es nie, die vielen Splittergruppen zu einen. Traditionell gelten solche politischen Verbrechen in Russland als Dämpfer, als Rückschlag, als Einschüchterung für die liberalen Kräfte. Unvergessen neben vielen anderen Morden ist etwa der Fall der 2006 erschossen Journalistin Anna Politkowskaja. Damals wie jetzt im Fall Nemzow war der Machtapparat schnell dabei, jeden Verdacht zu zerstreuen. Die Kreml-Linie lautet: Solche Morde schadeten dem Präsidenten doch eher als dass sie ihm nützten. "Bei aller Achtung für das Andenken Boris Nemzows - in politischer Hinsicht hat er keine Bedrohung dargestellt ...", sagt Putins Sprecher Dmitri Peskow.

Nemzow warf Putin zuletzt vor allem immer wieder eine "russische Aggression" gegen die Ukraine vor. Wegen seiner engen Kontakte zur prowestlichen neuen Regierung in Kiew zog Nemzow in seiner Heimat zunehmend offenen Hass und den Vorwurf des Verrats auf sich. Besonders im Lager der ultranationalistischen und extremistischen Patrioten hatte er viele Feinde.

Der Krieg der Verschwörungstheoretiker begann rasch. Die wichtigste Frage sei, wem der Tod von Putins Erzfeind nütze, erklärt der Moskauer Journalist Maxim Schewtschenko. Er sieht Nemzow, der einst als ukrainischer Präsidentenberater unter Viktor Juschtschenko tief in die prowestliche Ukraine-Politik verwickelt war, als Figur in einem "blutigen Spiel". Seine These: Radikale ukrainische Kräfte könnten hinter dem Mord stecken, den Ukraine-Freund geopfert haben, um Putin einmal mehr als "blutigen Tyrannen" anzuprangern.
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