Schutz gegen die "Menschenflut"

Israel hat an der Grenze zu Jordanien mit dem Bau eines neuen Sperrzauns begonnen - hier sein Pendant an der Grenze zu Ägypten. Er soll Extremisten und Schmuggler fernhalten, aber auch Flüchtlinge. Bild: dpa (Archiv)

Dem Strom der Flüchtlinge aus seiner Nachbarschaft nach Europa sieht Israel mit großem Unbehagen zu. Einen befürchteten Ansturm an den eigenen Grenzen will das Land dringend verhindern - und baut neue hohe Zäune.

Die Doppelspitze der israelischen Sicherheitspolitik steht an der Grenze zu Jordanien. Israel werde auch hier einen neuen Sperrzaun errichten, verkünden Regierungschef Benjamin Netanjahu und Verteidigungsminister Mosche Jaalon in der staubigen Arava-Wüste. Im Hintergrund rattert schon ein gelbes Baufahrzeug. Ihr Ziel sprechen sie ganz offen aus: Israel um jeden Preis vor einem Flüchtlingsstrom zu schützen, wie Europa ihn gegenwärtig erlebt.

Beginn eines "Tsunamis"

Die Massenflucht aus der Konflikt-zone in Richtung Europa beschreibt der israelische Geostrategie-Professor Arnon Soffer von der Universität Haifa als "den Beginn eines Tsunamis". Er sieht sie als Anfang einer neuen Völkerwanderung aus dem Nahen Osten und Afrika in Richtung Europa, "wie die Invasion der Seevölker oder der Hunnen".

Europa nimmt viele der Flüchtlinge auf. Nach Meinung der israelischen Regierung ist die richtige Antwort hingegen, die Grenzen abzuschotten. "Wir sehen in diesen Tagen, wie die Flüchtlinge Europa überfluten", sagt Jaalon am Sonntagabend. "Das hätte uns auch passieren können, wenn wir Fehler gemacht hätten." Das Vorbild für den neuen Zaun sei die 2012 gebaute Sperranlage Israels entlang der Grenze zu Ägypten. Vor ihrem Bau kamen von dort jeden Monat tausende afrikanische Flüchtlinge nach Israel, heute kann man sie an einer Hand abzählen. Auch auf den von Israel besetzten Golanhöhen habe man die Sperren verstärkt, um Flüchtlinge aus Syrien fernzuhalten, sagt Jaalon. Die Grenze zu Jordanien, wo sich mehr als 600 000 syrische Flüchtlinge aufhalten, sei das letzte "schwache Glied in der Kette".

"Gute Nachbarn"

Der Plan ist nun ein Sicherheitszaun vom Roten Meer im Süden bis zu den Golanhöhen im Norden, wo er sich mit einer bereits bestehenden Sperranlage verbinden soll. "Ein hoher Zaun macht gute Nachbarn", sagt Jaalon unverblümt. Netanjahu erklärt sogar, man wolle ganz Israel "so weit es möglich ist mit Sicherheitszäunen und Barrieren umgeben". Diese sollten illegale Migranten und Terroristen fernhalten. Forderungen der Mitte-Links-Opposition in Israel, der jüdische Staat müsse wie Europa Flüchtlinge aus Syrien aufnehmen, wischt er vom Tisch. Israel sei "ein sehr kleines Land", lautet die Erklärung. Man habe einfach nicht die Kapazitäten, einem Strom fliehender Menschen die Tore zu öffnen.

Doch es gibt in dem Land auch andere Stimmen. "Wenn ich die schrecklichen Bilder von riesigen Menschenmengen sehe, die nach Europa drängen, dann muss ich an das denken, was wir Juden vor 70 Jahren am eigenen Leib erfahren haben, als uns alle Türen verschlossen blieben", sagt die Vorsitzende des Verbands der Holocaust-Überlebenden in Israel, Colette Avital.
Weitere Beiträge zu den Themen: Politik (7296)Tel Aviv (104)September 2015 (7742)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.