Seit seinem Gefängnisaufenthalt soll der Attentäter von Kopenhagen ein unbeherrschter junger ...
Vom guten Jungen zum Alptraum einer Nation

Eine Überwachungskamera filmte den mutmaßlichen Attentäter von Kopenhagen, Omar Abdel Hamid El-Hussein, in der U-Bahn der dänischen Hauptstadt. Die Polizei veröffentlichte das Standbild vom November 2013 am Montag. Damals war der junge Mann wegen eines Messerangriffs auf einen Jugendlichen aufgefallen. Er wurde später verurteilt. Bild: epa/dänische Polizei
Vor der Haustür mit der Nummer "1" steht am Montag ein Jugendlicher mit kurzen dunklen Haaren und fuchtelt aufgebracht mit einer Hand. In der anderen hält er einen Motorradhelm. "Er war ein guter Junge!" ruft er. "Er" ist Omar Abdel Hamid El-Hussein. Der 22-jährige Kopenhagener mit palästinensischen Wurzeln, der am Wochenende zwei Menschen getötet hat, bevor er selbst starb. Vor genau dieser Haustür am Svanevej im bei Migranten beliebten Stadtteil Nørrebro hatten Polizisten ihn erschossen. Nun liegen Tulpen und Rosen neben der Tür.

Aus dem Fenster in einer Wohnung im zweiten Stock blickt eine Blondine auf die Reporter, die sich auf der Straße unter die Anwohner mischen. Der dunkelhaarige Junge, der so wütend wird, hat hier mit seinem Moped angehalten. El-Hussein war ein Bekannter, sagt er und fragt: "Wo sind die Beweise, dass er es wirklich war?" Dann setzt er sich den Helm auf und braust davon.

Vater schockiert

Die Polizei ist überzeugt, dass es El-Hussein war, der mit seinen Anschlägen auf ein Kulturcafé und eine Synagoge den Terror für 14 Stunden nach Kopenhagen brachte. Zwischendurch hielt er sich hier auf, am Svanevej, und in dem Internetcafé "Power-Play" in der Nähe. Nur wenige hundert Meter Luftlinie entfernt von der Adresse liegt der Mjølnerpark - ein riesiger Wohnblock, flankiert von einer Rasenfläche mit einem Fußballfeld. An einer Wohnungstür trifft ein Reporter der "Jyllands-Posten" den Vater von El-Hussein an. "Ich bin genauso schockiert wie der Rest der Welt." Mehr will er nicht sagen. Berichten zufolge sind er und seine Frau Palästinenser, sein Sohn aber wurde hier geboren, wuchs in Dänemark auf. Aus seiner Abneigung gegen Juden machte dieser angeblich kein Geheimnis. "Er hatte keine Angst, laut auszusprechen, dass er Juden hasste", sagt ein früherer Klassenkamerad dem "Ekstrabladet". Der Konflikt zwischen Israel und Palästina war ein Thema, das er temperamentvoll mit Mitschülern diskutierte. Von einer Minute auf die andere habe er aus der Haut fahren können.

Zuletzt war El-Hussein zum Zentrum für Erwachsenenbildung im Vorort Hvidovre gegangen, hatte auf seine Hochschulreife hingearbeitet. "Er war ein sehr fleißiger und begabter Schüler", sagt der Rektor Peter Zinkernagel. Das Gebäude neben der S-Bahn-Station Åmarken ist ein trister grauer Klotz. "Ich habe ihn manchmal auf dem Flur mit seinen Freunden gesehen", erzählt Selina, die hier auch zur Schule geht. Das Mädchen wedelt aufgeregt mit einer Zeitung, auf dessen Titelseite das Bild des mutmaßlichen Täters prangt. Das erscheine ihr alles so unwirklich.

So genau kann sich die 20-Jährige erinnern, weil sie sein Bild schon einmal in der Zeitung gesehen hat. Im November 2013, als El-Hussein in einer S-Bahn mit einem Messer auf einen Jugendlichen eingestochen hat - nach eigener Aussage unter Haschisch-Einfluss. Damals hatte sich Selina bei der Polizei gemeldet, weil sie ihn erkannt hatte. "Der geht doch auf meine Schule, habe ich gedacht." Das war das Ende der schulischen Laufbahn von El-Hussein, der für die Ermittler da schon kein Unbekannter war. Anfang 2014 kam er ins Gefängnis. Eigentlich sollte er für zwei Jahre einsitzen, doch vor nicht einmal zwei Wochen wurde El-Hussein entlassen.

Danach sei er ein anderer Mensch gewesen, erzählen Freunde. Habe auf einmal nicht mehr dieselben Themen gehabt wie sie. Im Gefängnis soll er den Wunsch geäußert haben, sich der Terrormiliz Islamischer Staat anzuschließen und in Syrien zu kämpfen. Das will die Zeitung "Berlingske" aus dem Umfeld der Behörde erfahren haben. Für andere kommt das völlig überraschend.

"Vor der Zeit im Gefängnis war er jedenfalls ein richtig cooler Kerl, sehr ruhig", beschreibt ihn ein Nachbar. Habe sich mit den anderen Jungen aus dem Wohnblock getroffen. Sei im bürgerlichen Østerbro zum Thaiboxen gegangen. Im selben Stadtteil, in dem der 22-Jährige in dunkler Skikleidung und mit rot-orangenem Halstuch vermummt das Feuer auf das Café "Krudttønden" eröffnete.

Gewehr gestohlen

Das beim Anschlag verwendete Gewehr wurde zusammen mit 43 weiteren der Armee gestohlen, teilte Staatsanwalt Stig Fleischer am Montag mit. Das Gewehr sei einen Meter lang, 3,2 Kilogramm schwer und könne bis zu 900 Schuss pro Minute abfeuern. Wie der 22-Jährige in den Besitz der Waffe kam, sei noch unklar.

Vor dem Café "Krudttønden versammeln sich auch zwei Tage nach dem Attentat Journalisten, Politiker, Angehörige, Kopenhagener. Wer der junge Mann wirklich war, der ihre friedliche Stadt in einen Terror-Tatort verwandelt hat, und wieso, können sie da immer noch nicht begreifen.
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