"Seitenzweig der Balkanroute"

63 auf einen Streich. Die erste von drei Großschleusungen per Lkw ereignete sich am 10. Juli. Das Rote Kreuz versorgte die Flüchtlinge in der alten Turnhalle in Vohenstrauß, die von den Kleintierzüchtern genutzt wird. Ungarische Schleuser hatten die Menschen im Alter von 6 bis 30 Jahren auf der Ladefläche eines Lkws ins Grenzland transportiert und bei Vohenstrauß ausstiegen lassen. Die Familien und jungen Männer hatten elf Stunden Fahrt, dicht an dicht, hinter sich. Laut Bundespolizei reichte der Platz im 7

Das Phänomen begann am 10. Juli. Schleuser haben Waidhaus als "Seitenzweig der Balkanroute" neu entdeckt. Seither hat die Bundespolizei an der Grenze 280 Flüchtlinge aufgegriffen, zumeist Familien oder junge Männer aus Afghanistan, Pakistan, Syrien und Eritrea. "Am Anfang war's noch wochenweise", sagt Sprecher Hans Miesbeck. "Jetzt ist es ein tägliches Geschäft."

Waidhaus. Die Waidhauser Neuankömmlinge kommen auf drei Arten ins Land. Drehscheibe ist immer Budapest. Zuletzt häuften sich Großschleusungen im Laderaum eines Lastwagens. Drei Mal waren in den vergangenen 20 Tagen jeweils 60 Personen im Altlandkreis Vohenstrauß einfach ausgesetzt worden. Als Schleuser ermittelte die Bundespolizei anhand von Zeugen und Fotos zwei Männer aus Ungarn: einer dick, einer dünn.

Überraschende Festnahme

Die Festnahme gelang überraschend schon am Freitag: In Bor (Tschechien) stoppte die tschechische Autobahnpolizei den 7,5-Tonner. Am Steuer: die beiden Ungarn. Auf der Ladefläche standen dicht an dicht 81 Pakistani und Syrer, darunter 15 bis 20 Kinder. Für die elf- bis 20-stündigen Höllenfahrten hatten die Flüchtlinge je 600 bis 700 Euro bezahlt. Macht rund 40 000 Euro pro Ladung. Miesbeck: "Und da ist nix mit aufs Klo, nix essen. Die wissen nicht einmal, ob sie über Österreich oder Tschechien gefahren sind."

Zweite Methode: Die Schleuser fahren erst gar nicht bis Deutschland. Zuletzt gab es einige Gruppen, die berichteten, in Kleinbussen mit verdunkelten Scheiben aus Ungarn bis Tschechien gefahren worden zu sein. Dann mussten sie aussteigen. Per Fingerzeig wurde in Richtung "Germani" gedeutet. Und los ging der Fußmarsch.

Am 22. Juli kamen 13 Syrer in Eslarn an, mit "ganz kloine Wutzerln", so Miesbeck. Sie waren schon fünf Stunden unterwegs, die Kinder huckepack, als sie die Bundespolizei am Morgen auflas. Erschöpft, durstig, müde. Der Hinweis kam von Frühaufstehern aus der Bevölkerung. Einmal meldete eine Austrägerin unserer Zeitung Fußgänger zwischen Lohma und Isgier.

Über griechische Insel

Zum Dritten häufen sich ganz aktuell Schleusungen per Pkw. Am Donnerstag gelang die Festnahme einer slowakischen Fahrerin, die der Zoll aus dem fließenden Verkehr der A6 winkte. Sie gab bei der Bundespolizei zu, für ihre Auftraggeber in Budapest bereits die vierte Fahrt über Waidhaus unternommen zu haben. Am Donnerstag hatte sie sechs Afghanen in ihren Skoda gepackt, darunter ein Ehepaar mit einem zweijährigen Buben und zwei alleinreisende Brüder (14 und 17 Jahre).

Die Geschleusten machten umfangreiche Angaben zu ihrer 25-tägigen Reise. Pro Person seien 8000 Euro an eine Schleuseragentur bezahlt worden. Die Route führte von Afghanistan über Pakistan und den Iran in die Türkei, von dort mit einem Schlauchboot auf eine griechische Insel.

Die griechischen Behörden verteilten Fähr-Tickets nach Athen. Dort sei man in einem Lager mit 3000 Flüchtlingen gesammelt worden. In 30 Bussen - "im Konvoi" - ging die Fahrt dann nach Mazedonien. Die mazedonische Polizei habe den Tross "durchgewunken". Serbien habe man größtenteils - sieben bis acht Stunden - zu Fuß durchquert. Das letzte Stück fuhr ein Bus zur ungarischen Grenze. Dort erfolgte der Aufgriff durch die ungarische Polizei. Man sei eine Nacht festgehalten worden und habe ein Zugticket nach Budapest erhalten, wo man sich melden sollte. Stattdessen brachte ein schwarzafrikanischer Schleuser die Sechs zum Auto der Slowakin.

Bis zu 60 Flüchtlinge am Tag sind viel. Aber nicht viel im Vergleich zu dem, was im Süden ankommt. Die Budapest-Hauptroute führt über die A 9 bei Passau. Allein bei der Bundespolizei Freyung waren am Mittwoch 431 Flüchtlinge zu registrieren. Die Bundespolizei Waidhaus unterstützt die Kollegen im Süden. Am Donnerstag wurden 25 Neuankömmlinge per Bus aus Freyung nach Weiden gebracht, am Freitag waren es 26.

Jeder wird erkennungsdienstlich behandelt: Personalien, Fingerabdrücke, kurze Befragung. Das dauert pro Person mindestens 20 Minuten. "Wir überprüfen ausnahmslos." Bundespolizeisprecher Franz Völkl will der Bevölkerung die Angst nehmen. "Das sind einfach nur Menschen, denen es daheim schlecht geht und die hoffen, dass es ihnen woanders besser geht. Und wenn ein Straftäter darunter ist, dann filtern wir ihn raus." Feindlichkeit sei völlig unangebracht: "Wenn man sie mal gesehen hat, dann redet man so nicht mehr."

Weiter nach Regensburg

Wenn die Bundespolizei die illegal Eingereisten erfasst hat, werden sie zur Erstaufnahmeeinrichtung Regensburg weitergeschickt. Mit dem Linienbus nach Weiden, mit dem "Bayernticket" nach Regensburg. Wer noch Geld hat, zahlt selbst. Die Polizei gibt Stadtpläne aus, in denen die Bajuwarenkaserne markiert ist.
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.