Sensibel, würde- und respektvoll: Der Deutsche Bundestag ringt um Regelung der Sterbehilfe
Noch schweigt das Recht zu Lebensdramen

Die Zahlen: 870 000 Menschen sterben jährlich in Deutschland, gut ein Prozent der Bevölkerung - im Straßenverkehr, an einem Infarkt. Rund 1000 (2012) nehmen sich das Leben und viele sterben eben auch nach langer schwerer Krankheit. Es gibt 2,6 Millionen Pflegebedürftige. 340 000 Menschen sterben jährlich in stationären Pflegeeinrichtungen, viele unter extremen Schmerzen.

In Ausnahmefällen wollen diese unheilbar kranken Patienten ihrem Leben ein Ende setzen - und hoffen, da sie meist selbst dazu kaum mehr in der Lage sind, auf Hilfe. Über diese Fälle debattierte der Bundestag am Donnerstag fast fünf Stunden - sensibel, würde- und respektvoll. Einige Abgeordnete schilderten ihre persönlichen Erfahrungen mit Sterbenden im privaten Umfeld. Die Parlamentarier hoffen, eine breite öffentlichen Diskussion anzustoßen, um 2015 ein Gesetz verabschieden zu können.

Große Übereinstimmung bestand darin, die Palliativ- und Hospizversorgung deutlich auszubauen. Was aber ist, sagte Bundestagsvizepräsident Peter Hintze (CDU) mit belegter Stimme, mit Menschen im Todeskampf, mit "Panik vor dem Erstickungstod", mit schlimmem Krebsgeschwür im Mund, das schmerzt und stinkt? "Bei einer todbringenden Krankheit geht es nicht mehr um das Ob des Sterbens, sondern um das Wie." Hintze will mit anderen Koalitionsabgeordneten Patienten in solchen Extremsituationen einen vom Arzt unterstützten Suizid ermöglichen. Das solle gesetzlich geregelt werden, um dem Mediziner mehr Rechtssicherheit zu geben. Hintze und SPD-Fraktionsvize Carola Reimann berufen sich auf Studien, wonach drei Viertel der Befragten für Sterbehilfe durch Ärzte plädieren. Was aber ist eine Umfrage unter "gesunden" Bürgern wert? Kann ihnen in dem Moment der Befragung klar sein, über welche intime, einsame, angstvolle, leidbeschwerte Lebenssituation sie reden?

Michael Brand (CDU), der mit seiner Position die Unionsmehrheit um Fraktionschef Volker Kauder und Gröhe vertritt, warnte: "Bei Sterbehilfe schafft Angebot Nachfrage." Eine Zulassung erhöhe den Druck auf Sterbende, niemandem zur Last fallen zu wollen. In den Niederlanden hat sich seit einer Neuregelung 2001 die Zahl der Fälle von "Tötung auf Verlangen" auf knapp 4200 mehr als verdoppelt.

Bis auf eine Gruppe von Linken- und Grünen-Abgeordneten um Renate Künast lehnt die überwiegende Mehrheit des Bundestags organisierte Sterbehilfe etwa in Form von Vereinen ab. Kommerziell orientierte Vereine wie die von Roger Kusch will gar keiner. Es sei dankbar, dass sich hier ein breiter Konsens abzeichnet, sagt Kauder. Für ihn gehe es darum, das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patienten zu stärken und "nicht durch gesetzliche Regelungen zu stören". Um ohne gesetzliche Eingriffe auszukommen, müssten allerdings alle regionalen Ärztekammern ihr Standesrecht angleichen, machte SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann deutlich.
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