Solidarisch am Sandstrand

"Wir sind Sousse": Bundesinnenminister Thomas de Maizière (Zweiter von rechts), seine Kollegen aus Frankreich (Bernard Cazeneuve, rechts), Tunesien (Najem Gharsalli, Mitte), Großbritannien (Theresa May, Zweite von links), und der britische Staatssekretär Tobias Ellwood (links) traten vor die Medien.

Nach dem tödlichen Angriff auf Badeurlauber kommen europäische Minister zum Solidaritätsbesuch nach Tunesien. Sie versprechen Hilfe im Kampf gegen Terroristen. Ihr Auftritt ist schwer bewacht. Doch was raten sie den Touristen?

Bevor die Minister kommen, bringen Mitarbeiter des Hotels "Imperial Marhaba" mehr Blumen an den Strand, drapieren sie im Sand und übergießen sie mit Wasser. Vermummte tunesische Soldaten mit Sturmgewehren haben sich zwischen Meer und Plastikliegen aufgestellt, um den Ort des Gedenkens zu sichern.

Am Freitag hat ein junger Student hier 38 Menschen erschossen, bevor er selbst von Sicherheitskräften getötet wurde. Mindestens zwei Deutsche waren unter den Toten, die zum großen Teil aus Großbritannien stammten. Drei Tage später sind Regierungsvertreter aus den betroffenen Ländern zu einem Solidaritätsbesuch in die tunesische Küstenregion bei Sousse gekommen - unter ihnen ist Bundesinnenminister Thomas de Maizière. Gemeinsam mit den anderen Ministern legt der CDU-Politiker Blumensträuße am Strand nieder, dort wo die Terrorattacke am Freitag begann. "Wir sind hierhergekommen, um Solidarität zu zeigen mit dieser jungen und immer noch verletzlichen Demokratie", sagt er später auf einer Pressekonferenz. "Wir sind entschlossen zu zeigen, dass Freiheit stärker ist als Terrorismus."

Kämpfer für den IS

Der jüngste Angriff auf Touristen - genau 100 Tage nach der Attacke auf das berühmte Bardo-Museum in Tunis mit mehr als 20 Toten - macht wieder deutlich, wie fragil die Sicherheitslage in dem kleinen nordafrikanischen Land ist, das den Übergang in die Demokratie im Gegensatz zu seinen arabischen Nachbarn vorbildlich meisterte. An der Grenze zu Algerien sind Anhänger des Terrornetzwerks Al-Kaida aktiv, in Libyen wird die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) im dortigen Machtvakuum immer stärker. Nach Schätzungen der tunesischen Regierung kämpfen bereits 3000 Staatsbürger in den Reihen des IS. Das Land mit seinen elf Millionen Einwohnern stellt damit die meisten Ausländer unter den Dschihadisten in Syrien und Irak. Europa und die USA befürchten eine Ausweitung des IS-"Kalifats" in unmittelbarer Nähe zu Europa. Dies würde das Risiko terroristischer Anschläge erhöhen und auch die Flüchtlingskrise im Mittelmeer weiter verschärfen.

Neben der Leuchtturmfunktion für die Region hat Tunesien deshalb eine strategisch bedeutende Rolle. Viele für Libyen zuständige Diplomaten arbeiten inzwischen von Tunis aus - denn das Nachbarland ist zu gefährlich. Präsident Béji Caïd Essebsi wurde im Mai im Weißen Haus empfangen und im Juni zum G7-Gipfel ins bayerische Elmau eingeladen. Die USA will Tunesien zu einem bedeutenden Alliierten außerhalb der Nato machen. Europa braucht Tunesien als Sicherheitspartner und Tunesien braucht die Touristen aus Europa - immerhin leben rund 400 000 Menschen von diesem Wirtschaftszweig. So verspricht die tunesische Regierung, zusätzliche Sicherheitskräfte an den Hotels zu postieren, um Urlauber besser zu schützen. Moscheen, in denen Hassprediger aktiv sind, werden geschlossen.

Was das allerdings für die Reiseempfehlungen der europäischen Länder an Urlauber bedeutet, bleibt zunächst unklar. Deutschland rät nicht generell von Reisen nach Tunesien ab, empfiehlt aber Besuchern, "besondere Vorsicht walten zu lassen". De Maiziere verspricht: "Wir geben unsere Reiseempfehlungen verantwortungsvoll und umsichtig." In den kommenden Tagen will Deutschland gemeinsam mit Großbritannien darüber beraten, ob die Empfehlung beibehalten oder ob der Hinweis verschärft wird.

Deutschland hilft

Nach der Bardo-Attacke ist es das zweite Mal seit dem Sturz von Langzeitherrscher Zine el Abidine Ben Ali 2011, dass Touristen bei einem extremistischen Angriff getötet wurden. Nun sollen die maroden Sicherheitsstrukturen weiter gestärkt werden. Großbritanniens Innenministerin Theresa May verspricht, gemeinsam mit Tunesien dafür zu arbeiten, "dass die Terroristen nicht gewinnen". Deutschland hilft schon bei der Weiterbildung der Sicherheitskräfte und hat Wärmebildkameras und Schutzwesten zum Grenzschutz geliefert.

Wenn aber der Tourismus einbricht und die Wirtschaftskrise im Land sich verschärft, kann auch der stärkste Sicherheitsapparat eine Radikalisierung von Menschen nicht stoppen, die ohne Hoffnung sind.
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