SPD-Bundestagsabgeordnete Petra Hinz legt nach Fälschung Mandat nieder
Lebenslauf als Lügengebäude

SPD-Bundestagsabgeordnete Petra Hinz. Archivbild: dpa

Essen. Seit elf Jahren hat Petra Hinz für die SPD im Bundestag gesessen. Die vermeintliche Karriere der 54-Jährigen war unauffällig: Abitur, Jura-Studium, Examen, Job, Lokalpolitik und dann 2005 der Sprung in den Bundestag. Nun kommt heraus: Der wesentliche Teil ihres Lebenslaufes ist gefälscht. Am Mittwoch zog die Abgeordnete aus Essen die Konsequenzen und kündigte an, ihr Mandat niederzulegen.

Die Politikerin, die mit 18 in die SPD eintrat, hat weder das Abitur gemacht noch hat sie von 1985 bis 1995 Jura studiert. Sie hat auch kein erstes und zweites Staatsexamen in Jura abgelegt. Doch all diese Stationen sind in ihrer Vita auf der Internetseite des Bundestags aufgeführt.

Entsetzen bei Genossen


Die SPD reagierte entsetzt - nicht nur im ohnehin von Skandalen gebeutelten Unterbezirk Essen, sondern auch in der Berliner Bundestagsfraktion. Groß ist die Überraschung, dass es eine Hochstaplerin in ihren Reihen bis in den Bundestag schaffte. Dabei seien Abitur und Studium gerade bei den Sozialdemokraten traditionell keine Eintrittsvoraussetzung für die Politik, betonen SPD-Politiker immer wieder. Ein knappes Jahr vor der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen kommt die Affäre zur schlechten Zeit für die Sozialdemokraten. Entsprechend schnell forderten SPD-Politikern Hinz zum sofortigen Rücktritt auf. "Wir alle sind schockiert, dass Petra Hinz uns 30 Jahre lang eine falsche Biografie aufgetischt hat", sagte NRW-Justizminister Thomas Kutschaty als Chef des SPD-Unterbezirks Essen. Auch die Bundestagsfraktion machte Druck.

Hinz selbst war am Mittwoch zunächst einmal abgetaucht, ließ lediglich zwei Erklärungen über ihren Anwalt verbreiten. Den Grundstein für ihre Lebenslüge legte Hinz demnach mit der falschen Angabe, dass sie 1984 ihr Abitur gemacht habe. Tatsächlich machte sie im Jahr 1983 an einem Wirtschaftskolleg ihr Fachabitur. Doch das schlechte Gewissen schien Hinz jahrelang zu plagen. Sie war bereits über 30 Jahre alt, als sie Mitte der 90er Jahre nach Angaben ihres Anwalts auf dem zweiten Bildungsweg das Abitur nachholen wollte, um "so zumindest eine Teil ihrer biografischen Falschangaben zu heilen". Damals war Hinz Mitglied im Essener Stadtrat, gab aus Zeitgründen die Schule aber wieder auf.

Die Lebenslüge begleitete Hinz auf ihrem Weg, bis sie 2005 erstmals in den Bundestag gewählt wurde. In all den Jahren habe Hinz nicht die "Courage" aufgebracht, für ihr Fehlverhalten geradezustehen. Falsche Ärzte, falsche Piloten, falsche Priester - immer wieder gibt es Fälle, in denen Menschen ihren Lebenslauf fälschen, nachdem sie bei Prüfungen gescheitert sind. Für Psychologen ist so ein Verhalten nicht überraschend. "In Deutschland sind Zertifikate und Abschlüsse sehr wichtig - was ein Mensch wirklich kann, zählt hingegen weniger", sagt der Psychologe Sebastian Bartoschek der "Bild"

Wind bekommen


Offenbar hat kein Parteikollege in all den Jahren an den angeblichen Karrierestationen von Hinz gezweifelt. Es kam heraus, dass es zuvor einen anonymen "offenen Brief" an die Essener SPD gegeben hatte, in dem Hinz Mobbing in ihrem Berliner Bundestagsbüro vorgeworfen wurde. Hinz wies diesen als "verleumderische Diffamierung" zurück. Hinzu kam, dass das Essener Stadtmagazin "Informer" Wind von dem gefakten Lebenslauf bekam und kritische Fragen an Hinz stellte. Daraufhin kündigte die SPD-Politikerin ihren Rückzug aus der Bundes- und Lokalpolitik an. Nun fiel auch das Lügengerüst in sich zusammen.
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