Stimmung in Frankreich ändert sich
Buhrufe in Nizza

Der französische Premierminister Manuel Valls (links mit Christian Estrosi, Präsident des Regionalrats Provence-Alpes-Côte d'Azur) bekam in Nizza auch den Unmut der Menschen zu hören. Bild: dpa

Die Reaktion auf den Anschlag von Nizza fällt ganz anders aus als nach "Charlie Hebdo". Unter der anhaltenden Bedrohung des Terrors ist es mit der nationalen Einheit nicht mehr weit her - doch dabei könnten auch politische Motive eine Rolle spielen.

Paris. Es ist ein Moment der Trauer und des Innehaltens. Doch als Frankreichs Premierminister Manuel Valls vier Tage nach dem Anschlag von Nizza auf die berühmte Strandpromenade tritt, kommen von einigen Zuschauern Buhrufe, Rücktrittsforderungen, sogar Beschimpfungen. Es ist der dritte Tag der von Präsident François Hollande angeordneten Staatstrauer für die 84 Todesopfer der Lastwagen-Attacke, doch von Zusammenstehen und Unterhaken ist in Frankreich nach diesem neuen Anschlag nicht mehr viel zu spüren.

Nur 33 Prozent der Franzosen vertrauen dem Staatschef und der Regierung beim Kampf gegen den Terror, so das Ergebnis einer Umfrage des Instituts Ifop für die Zeitung "Le Figaro". Die politische Opposition hat ungewöhnlich schnell auf Angriff geschaltet und kämpft mit harten Bandagen. "Ich habe nicht die Absicht, alle drei Monate solche Tragödien zu kommentieren", sagt Ex-Präsident und Republikaner-Chef Nicolas Sarkozy. Es sei nicht alles getan worden, was hätte getan werden müssen.

Der ebenfalls konservative Abgeordnete Éric Ciotti kritisiert: "Wir haben noch nicht kapiert, dass wir im Kriegszustand sind, wir brauchen einen Clemenceau an der Spitze des Staates." Georges Clemenceau war in der Schlussphase des Ersten Weltkriegs Staatschef. Die Regierung wirft den Kritikern vor, sich unwürdig zu verhalten, weil noch während der Trauerphase schmutzige Wäsche gewaschen wird. Der Kontrast zur Reaktion auf den Anschlag gegen das Satiremagazin "Charlie Hebdo" vor eineinhalb Jahren springt ins Auge. Damals fanden die Aufrufe zur nationalen Einheit breiten Widerhall. Am 11. Januar 2015 strömten Millionen auf die Straßen, um die Meinungsfreiheit zu verteidigen, ein symbolisches Unterhaken. Präsident François Hollande machte in der Zeit der Krise eine gute Figur - ebenso nach den Pariser Anschlägen vom 13. November, auch wenn damals schon mehr Kritik laut wurde. Nun schreibt die Zeitung "Le Monde", der Geist des 11. Januar sei verweht.

Was ist anders? Zum einen nähert sich die nächste Präsidentschaftswahl mit großen Schritten - im Mai 2017 wird gewählt, und bei den konservativen Republikanern laufen sich die möglichen Bewerber auf das höchste Amt im Staat schon für die internen Vorwahlen warm. Die rechtsextreme Front National versucht ohnehin, aus dem Thema Kapital zu schlagen. Aber hinzu kommt ein tatsächliches Gefühl der Zermürbung, das viele Menschen in Frankreich nach dem dritten großen Anschlag binnen eines Jahres verspüren. Die Frage, warum es den Behörden trotz angeblich höchster Wachsamkeit, Militärpatrouillen und neuen Anti-Terror-Gesetzen nicht gelingt, den Terror zu stoppen, birgt große Brisanz, die Gesellschaft ist erschöpft. "Man wollte die Einheit der französischen Nation treffen", sagte Premierminister Valls kurz nach dem Anschlag am Nationalfeiertag. "Deshalb ist die einzig würdige, verantwortungsvolle Reaktion Frankreichs, dem Esprit des 14. Juli treu zu bleiben, das heißt ein vereintes und um seine Werte versammeltes Frankreich." Derzeit scheint das zumindest in der Politik eher Wunschdenken. Jenseits der politischen Arena aber gibt es das gemeinsame Innehalten weiterhin. Auf der Promenade des Anglais in Nizza, wo sich 42 000 Menschen versammelt haben, ertönt bei der Gedenkfeier am Montag neben den Unmutsäußerungen auch eine kraftvolle Marseillaise.

Mit VorsatzDer Angreifer von Nizza hat den Anschlag mit einem Lastwagen nach Angaben der Ermittler über mehrere Tage vorbereitet. Die bisherigen Ermittlungen hätten den "vorsätzlichen Charakter" belegt, sagte der französische Anti-Terror-Staatsanwalt François Molins am Montag in Paris. "Die Gesamtheit dieser Elemente führt dazu, die Fakten als einen Anschlag zu analysieren, der zumindest in den Tagen vor der Tat bedacht und vorbereitet wurde." Der Attentäter hat nach Ermittlungserkenntnissen vor dem Anschlag ein "unbestreitbares Interesse" für die islamistische Bewegung gezeigt. Das habe die Auswertung seines Computers ergeben, sagte Molins. (dpa)
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