Stolz und Vorsicht

Gefühlsäußerungen der Kanzlerin sind selten. Doch nach dem offenherzigen Empfang Tausender Flüchtlinge in Deutschland, der spontanen Hilfe von Bürgern und der Freundlichkeit von Beamten, zeigt Angela Merkel Emotionen.

Dank und Stolz. Dabei ist Stolz für viele ein heikler Begriff, weil Neonazis auf unheilvolle Weise stolz sind, Deutsche zu sein. Damit hat Merkels Gefühl nichts zu tun. Sie spricht bei einer kurzfristig mit SPD-Chef Sigmar Gabriel einberufenen Pressekonferenz im Kanzleramt von einem "bewegenden, ja zum Teil atemberaubenden Wochenende". Sie dankt allen, "die mit angepackt haben ... und ein Bild von Deutschland gezeigt haben, das uns ein Stück weit stolz machen kann auf unser Land". Gabriel formuliert es genauso. Das hat es lange nicht gegeben.

"Durchaus bewegend"

Deutschland wird sich mit der Versorgung von Hunderttausenden Asylbewerbern verändern - Kanzlerin und Vizekanzler machen es noch einmal deutlich. Das Land, das mit Anschlägen von Rechtsextremen auf Migranten eine hässliche Fratze hat, zeigt nun ein neues Gesicht: überwältigende Gastfreundlichkeit und Großzügigkeit.

Als Symbol dafür halten Flüchtlinge Merkel-Porträts in die Höhe. "Das ist durchaus bewegend", bekennt die CDU-Chefin, um ihre eigene Leistung sogleich einzuordnen in das große Ganze: "Ich bilde mir nicht ein, dass es nur um mich geht, sondern dass es um das Land geht, um die Menschen, um die vielen, die am Bahnhof stehen, um die vielen, die begrüßen."

Bankenkrise als Vergleich

Die Bundesregierung liefert ein Maßnahmenpaket mit sechs Milliarden Euro, einem neuen Rechtsrahmen zu Bürokratieabbau und Forderungen an die Europäische Union (siehe Artikel unten). Bis Ende Oktober soll es von Bundesrat und Bundestag beschlossen sein. "Wir waren schnell, um die Banken zu retten", erinnert Merkel an die Schuldenkrise. Die Grünen in den Ländern müssen sich nun entscheiden, ob sie mehr sichere Herkunftsländer auf dem Balkan und den Vorrang für Sachleistungen akzeptieren. Die Koalition braucht grüne Stimmen im Bundesrat.

Gabriel treibt die Sorge um, dass die Republik den Politikern irgendwann um die Ohren fliegt, falls die Stimmung kippt: "Wir müssen das Land zusammenhalten." Wenn normale Bürger, nicht die Eliten, das Gefühl bekämen, für sie selbst werde weniger als für die Neuen getan. Man müsse jetzt gut aufpassen, "dass wir hier nicht Konkurrenzen schaffen".

Nicht überall wird die Integration problemlos ablaufen. Reibereien im Alltag sind absehbar. Dabei sei es ein Segen, dass Deutschland wirtschaftlich so stark und der Haushalt so solide sei, sagt Gabriel. Er wolle den Bürgern die Wahrheit sagen, dass auch harte Zeiten kommen können: "Das wird uns helfen, realistisch damit umzugehen und auch Enttäuschungen zu vermeiden." 800 000 Neuankömmlinge - das könne sich auf Dauer nicht jedes Jahr wiederholen. Im ZDF sagte er dann am Abend: "Ich glaube, dass wir mit einer Größenordnung von einer halben Million für einige Jahre sicherlich klarkämen."
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.