Studie untersucht Folgen der Einstufung von Heimbewohnern in geplante Pflegegrade - ...
Bei der Pflegereform könnte es auch Verlierer gebe

Für viele Demenzkranke könnte sie ein Segen sein: Die geplante Pflegereform soll ihnen mehr Leistungen aus der Pflegeversicherung bringen. Doch für andere Leistungsempfänger könnte sie auch Einbußen bedeuten. Archivbild: dpa
Mehr Leistungen für Demenzkranke! Bislang hat die Politik die angekündigte Reform der Pflegeversicherung vor allem als positives Ereignis für alle Pflegebedürftigen angekündigt. Eine am Freitag bekannt gewordene, vom Bundesgesundheitsministerium und den Krankenkassen in Auftrag gegebene Studie kommt allerdings zu dem Ergebnis, dass es auch Verlierer geben könnte.

Die Studie, die der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) vorliegt, wurde unter Leitung des Bremer Pflegewissenschaftlers Heinz Rothgang erstellt. Sie macht deutlich, dass schon seit Einführung der Pflegeversicherung 1995 unstrittig war, dass Menschen mit geistigen und kognitiven Beeinträchtigungen, insbesondere Menschen mit Demenz, nicht angemessen berücksichtigt würden. In seitdem vier Reformschritten wurden Leistungen für sie zwar schrittweise angehoben. Ein grundlegende Gleichstellung von Demenzkranken werde es allerdings erst mit dem neuen Pflegebedürftigkeitsbegriff geben, der 2017 in Kraft treten soll.

Die Umstellung kostet Milliarden und ist kompliziert: Denn aus den bislang drei Pflegestufen sollen fünf Pflegegrade werden. Dazu müssen Kriterien entwickelt und alle derzeit 2,6 Millionen Empfänger von Pflegeleistungen neu eingestuft werden.

Tendenzen zum Weglaufen

Bewertet werden dabei etwa Mobilität, kommunikative Fähigkeiten, psychische Probleme, Selbstversorgung, Gestaltung des Alltagslebens und soziale Kontakte. Neben Hilfen, zum Beispiel bei der Körperpflege oder der Ernährung, soll künftig auch der Unterstützungsbedarf beachtet werden, der durch geistige Beeinträchtigungen wie Verwirrtheit oder Depressionen entsteht. So fließt mit ein, ob der Pflegebedürftige Tendenzen zum Weglaufen hat. Das war früher nicht der Fall.

Schon seit April 2014 haben die Krankenkassen zusammen mit Wissenschaftlern getestet, ob dieser neue Pflegebedürftigkeitsbegriff praktikabel ist. Bei der Rothgang-Studie wurden bei insgesamt 1586 Heimbewohnern aus 39 Heimen in sieben Bundesländern die Pflegeleistungen und die bisherigen Pflegestufen dokumentiert; in einem zweiten Schritt wurde berechnet, in welche Pflegegrade die Betroffenen künftig eingestuft werden müssten. Das Ergebnis könnte für neue Debatten sorgen: Etwa 28 Prozent der Heimbewohner mit leichten Einschränkungen in den heutigen Pflegestufen I und II würden unter den neuen Regeln schlechter abschneiden. In der höchsten Pflegestufe III wären es noch 9 Prozent.

Demgegenüber gäbe es auch Verbesserungen: So würden 31 Prozent der Menschen aus der bisherigen Stufe I in höhere Pflegegrade eingestuft. Ebenso erginge es 38 Prozent der Betroffenen aus Pflegestufe II und 45 Prozent aus Stufe III.

Die "Ist-Situation"

Aufregung wäre allerdings verfrüht. "Die Studie liefert eine Erfassung der Ist-Situation", betonen die Wissenschaftler. Die Politik müsse entscheiden, wie sie die Reform konkret ausgestalte. Auch das Bundesgesundheitsministerium war bemüht, Wogen zu glätten: Bei der Studie handele es sich lediglich um ein Szenario, das "zur Vorbereitung der Erarbeitung eines Gesetzes dient, aber nicht den Inhalt des Gesetzes darstellt", sagte Pressesprecherin Katja Angeli.

Sie verwies zudem darauf, dass die Politik schon vorab eine Herunterstufung für heutige Pflegebedürftige ausgeschlossen habe. "Kein Pflegebedürftiger, der heute Leistungen aus der Pflegeversicherung erhält, wird durch die Umstellung schlechter gestellt. Im Gegenteil, die große Mehrheit der Pflegebedürftigen erhält mehr Leistungen." Die Sprecherin betonte zudem, dass die bisherigen drei Pflegestufen mit den künftig fünf Pflegegraden nicht vergleichbar seien. Eine Schlechterstellung künftiger Pflegebedürftiger sei also schwer zu belegen. Auch die Studie selbst warnt indes vor "übertriebenen Erwartungen an den neuen Pflegebedürftigkeitsbegriff" und vor "vorprogrammierten Enttäuschungen". Eklatante Benachteiligungen von Menschen mit Demenz seien bereits in den jüngsten Pflegereformen abgebaut worden. Insofern könne die anstehende Reform für Menschen mit Demenz "nur noch begrenzte Leistungsverbesserungen" bringen.
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