Suizid eines Terrorverdächtigen im Gefängnis
Justiz in Bedrängnis

Ein Leichenwagen fährt am Mittwochabend in die Justizvollzugsanstalt (JVA) Leipzig. Der Suizid des 22-jährigen terrorverdächtigen Dschaber A. sorgte am Donnerstag für viele kritische Fragen. Bild: dpa

Der Terrorverdächtige aus Chemnitz erhängt sich in seiner Leipziger Gefängniszelle. Sachsens Justiz musste sich am Donnerstag kritischen Fragen zum Suizid von Dschaber A. stellen.

Dresden. Die größten Ungereimtheiten und was der Gefängnischef dazu sagt:

Selbstmordgefahr: A. war ein potenzieller Selbstmordattentäter. Die Richterin, die seinen Haftbefehl verhängt, teilt mit, er könne versuchen, sich das Leben zu nehmen. Dennoch erhält der 22-Jährige im Leipziger Gefängnis nicht den für solche Fälle sichersten Zellentyp und die zugehörige besonders reißfeste Kleidung. Warum? "Da muss es sich um eine sehr akute, auch klar erkennbare Suizidgefahr handeln - zu dieser Einschätzung ist man zu diesem Zeitpunkt, auch in Absprache mit der Polizei, nicht gekommen", sagt Gefängnisleiter Rolf Jacob und verweist auf die hohen gesetzlichen Anforderungen.

Einzelzelle: Wer suizidgefährdet wird, kommt häufig nicht in eine Einzelzelle - der Kontakt zu Mitinsassen senkt erfahrungsgemäß das Risiko. Die Leipziger JVA entschied sich jedoch für die Einzelzelle. Bei A. sei das Risiko zu groß gewesen, dass er Mithäftlingen gefährlich wird, wie Jacob sagt. Zugleich beschreibt er den Syrer so: "Er war ruhig, er war sachlich. Es gab keine Hinweise auf irgendwelche emotionalen Ausfälle."

Kontrollen: Die Hinweise der Richterin habe man ernst genommen, betont der Gefängnischef. Deswegen habe man angeordnet, A. Tag und Nacht alle 15 Minuten zu kontrollieren. "Das ist das Höchstmaß." Möglich ist aber auch eine Sitzwache vor der Zellentür. Am Tag nach der Einweisung fuhr man auf einen 30-Minuten-Rhythmus runter.

Die Psychologin: Die Psychologin sprach am Dienstag eineinhalb Stunden mit A., wie Jacob berichtet. Sie schlug vor, von 15 auf 30 Minuten zu gehen. Die 52-Jährige sei seit 15 Jahren in sächsischen Gefängnissen im Einsatz - Erfahrung mit Terroristen hat sie nicht.

Dolmetscher: A. sprach kaum Deutsch. Ein umfassendes Aufnahmegespräch war mangels Dolmetscher nicht möglich. Das sei auch nicht für notwendig erachtet worden, weil für das Treffen mit der Psychologin am Folgetag ein Übersetzer bestellt war. "Wir kriegen in Leipzig am Tage manchmal 10, 12, 15, 19 Zugänge", sagt Jacob. Man könne nicht für jeden Gefangenen sofort einen Dolmetscher bestellen.

Vandalismus: Eine herausgerissene Deckenlampe in A. Zelle deuten die Verantwortlichen als Vandalismus. Der Syrer hatte den Schaden gemeldet. "Eine Deutung im Sinne einer Suizidgefahr wurde dort nicht erkannt", sagt Jacob. Möglich sei ja auch, dass der Gefangene testen will, wie die Beamten auf Vorfälle reagieren. Diese Einschätzung ändert sich nicht, als eine manipulierte Steckdose gefunden wird.

Gefängnischef im Urlaub: JVA-Chef Jacob war nach eigenen Angaben bis Mittwochabend im Urlaub. Dennoch stellte er sich am Donnerstag der Öffentlichkeit. Als Leiter sei er verantwortlich, sagte Jacob. Er habe sich bis spät in die Nacht informieren lassen. Jacob sagt: "Ich stehe zu den Entscheidungen, die dort getroffen wurden."
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